Schade um die Beteiligten und ihre Lebenszeit

Die Kunst des toten Mannes – Filmproduktion von Netflix, angesiedelt in der Kunstszene von Los Angeles. Vernissagen, Galerien, Kunstmessen, Langeweile, Small Talk, Interessen, Millionen, Verbindungen, Deals, Eitelkeiten, Befindlichkeiten, Küßchen, Schnäppchen, Champagner, Villen in Höhenlage mit Blick auf das elektrische Gefunkel der Flächenstadt, Schwimmbecken, Liebeleien, Affären, Sexmacht, Geldmacht, Publicity, Tote. Leider auch Tote. Der Spielfilm schafft es, mich bis zur Filmmitte zu interessieren, denn tatsächlich muß es ein großes Ereignis sein, wenn nach einer Durst- und Hungerstrecke von gefühlt dreißig Jahren endlich ein Künstler entdeckt wird, der sich den anerkannten, durchsetzbaren und alles in allem berechenbaren Marktmechanismen entzieht, dessen umfängliches Werk der allgegenwärtigen „Aufmerksamkeitsökonomie“ entgangen ist, aus plausiblem Grund – der Maler malte für sich, nicht für andere. Nach seinem Tod also wird er „entdeckt“ – Amerika kennt das, vorher ist nämlich nichts. Nun streiten und ringen sie um seine Bilder, die „sensationell“ sind. Die Bilder handeln von dem, was sich entlädt, wenn ein einzelner und verlassener Mensch sich seinem Dämon stellt und um ein Seelenheil kämpft, das sich nicht mehr „herstellen“ läßt. Das „Pikante“ an dieser Story ist, daß die Bilder Unglück bringen. Deshalb wollte ihr Schöpfer sie vernichtet wissen. Dann wurden sie aufgestöbert, entdeckt, veröffentlicht, verkauft. Zu allem Überfluß wurden sie mit Blut gemalt, wie die Analyse ergibt. Zauberspuk und Blutmagie, hollywoodesk aufgetischt, es ist zum Haareraufen. Der Showdown vernichtet alles, was der Film vorher an Glaubwürdigkeit aufgebaut hat. Die Kunstszenerie ist gut getroffen, die Unsicherheit der Akteure eingefangen, das Absurde des Handels mit Fiktionen und Visionen gestreift, die Bedürfnisse einer gelangweilten Klientel, die über Geld verfügt, nicht so sehr über Geist, erkannt – und dann dieser Reinfall. Alle sterben, bis auf die, deren Gesichter verlöschen, während der Abspann weggedimmt wird für die nächste Sensation.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schade um die Beteiligten und ihre Lebenszeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert