Die Temperaturkurve dieses Tages gleich einem straff gespannten Springseil, acht bis neun Grad über Null, durch den Tag, durch die Nacht. Es wird wärmer. Morgen elf – ölf, wie sie in Brandenburg sagen. Das Helle hinter dem dünnen Vorhang aus Grau ist die Sonne. Wird sie uns im kommenden Sommer erneut versengen? Nutzlose Sorgenfrage, wir werden sehen und fühlen. Gestern wußte ich mit einem Mal, was leben bedeutet – auch das Wetter war witzig. Ich sagte wie aus dem Nichts: Mit gelassener Hand / Streut Gott Hagel über das Land. Die kleinen Körner funkelten ein kurzes Weilchen auf der Balkonbrüstung, dann brach Licht herein und gab dem Sichtbaren Farbe. In welchem Verhältnis stehen Außen und Innen? Was bedeutet es, wahrzunehmen. Aus welchen Kleinigkeiten erwächst eine Stimmung? Ist es wichtig, daß ich während einer Fahrt die Baumgruppe sehe, die sich an die Bergschräge lehnt, und kurz darauf den Bussard, der von einem Weidepfahl seine Wirklichkeit erkennt? Die meisten Leute schauen auf ihre Telephonbildschirme, da passiert auch was, nur in klein. Alles für die Flötenspielerin, lese ich mit schnellem Blick in mein Notizbuch, ich suche eine Passage, die vom Winterschnee handelt, den es nicht gab. Gestern schrieb ich: Wer die Sprache nicht mag, der mag auch die Menschen nicht. Die Sprache ist ihre größte Schöpfung. Dann erfuhr ich vom russischen Schlafexperiment – das war schlimm. Hoffentlich eine Mythe, von so etwas bekommt man üble Träume. Ich habe anderes geträumt, zum Glück. Wenn Gott tot ist, schrieb ich vorgestern, lacht der Teufel. Und fügte hinzu: Nietzsche weint. Dann löschte ich die Sätze. Jetzt sind sie wieder da, und zwar hier. Blaue Märzblumen auf der Wiese vor dem Bürgeramt.
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