Hamster und Hasen

Gespaltenes Land, Diagonalschnitt von Emden bis Passau, links der Linie Temperaturen über, recht von ihr unter dem Gefrierpunkt. Für morgen sind Berlin null Sonnenstunden versprochen. Ich zehre von inneren Lichtvorräten und mummle mich ein. Hamsterexistenz. Hamster in Heimtierhaltung halten keinen Winterschlaf, sie dösen nur. Auf Speedys Hamsterseiten lese ich, daß man für ausreichend Wärme im Hamsterzimmer sorgen muß. Ich mag Hamster nicht sonderlich, lasse sie gelten, gerate bei ihrem Anblick aber nicht in Verzückung. Etwas an den Nagetieren ist mir suspekt. Feldhasen gefallen mir gut. In Deutschland leben Schätzungen zufolge 4 Millionen Feldhasen, sehr gern in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, ungern in den sogenannten neuen Bundesländern, da dort eine Landwirtschaft gepflegt wird, die hasen- und wildtierfeindlich ist. Auch für Wanderer oder Spaziergänger ist die Großflächenbewirtschaftung unvorteilhaft. Das Netz der Feldwege ist grobmaschig, man läuft stundenlang durch die Ödnis beängstigender Monokultur. Als ich das auf mich nahm, versuchte ich mich zu trösten, dachte oder sagte mir auf, als sei es ein Mantra: In der Einsamkeit der Baumwollfelder. Ein Stück von Bernard-Marie Koltès, der früh verstarb, aber noch gespielt wird. Durch die Einsamkeit der Maisfelder hindurch, damals, doch es war keine Einsamkeit, sondern nur Ödnis: ein Fehlen von anderem als Mais oder Weizen oder Rüben. Einmal lag da eine Vogelkadaver auf dem Weg, eine zerrupfte und stinkende Krähe. Ich nahm das sofort als böses Omen. Wohin sollen die Geister, wenn alle Schlupfwinkel und Nester ausgeräumt wurden? In der begradigten Landschaft herrscht eine andere Form des Gespenstischen. Der Schrecken der Leere. Es müßte ein Stein vom Himmel fallen. Selbst die Feldhasen müssen sich dort lange umsehen, ehe sie einen Artgenossen treffen. Vier Hasen pro Quadratkilometer, das grenzt schon an Verlorenheit, wenngleich noch Aussicht besteht. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein kamen sie bei der letzten Hasenzählung auf 25 Exemplare auf den Quadratkilometer. Hasen sind außerhalb der Fortpflanzungszeit Einzelgänger und haben gute Nerven. Sie ergreifen erst im letzten Augenblick die Flucht und erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Im Winter ernähren sie sich von Baumrinde. Hier endet mein Text.


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