Leiden der sinnlichen Seele

Werther sei ein Dichter ohne Werk, las ich vorhin. Ein Dichter seines Lebens, ein Lebenskünstler, der an seiner Kunst verzweifelt. Eine narzißtische Persönlichkeit zudem, es lägen Anzeichen vor. Lessing empfahl dem jungen Autor, er möge ein Nachwort beisteuern, das den Lesern erläutere, daß Selbstmord keine moralische Lösung darstelle. „Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schlusse; und je cynischer, je besser!“ Hohe Empfindsamkeit, starkes Einfühlungsvermögen, große Einbildungskraft – das sind schwere Handicaps. Werther müßte sich „ermannen“, sich eine Richtung geben und Haltung bewahren und zu schützen lernen. Doch genau das vermag er nicht. Er leidet unter der Künstlerkrankheit. Ihr verdanken wir manches Werk, das uns schlucken macht. Goethe hat Werther überlebt.


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