Mit sich selbst identisch sein?

„Wo Vernunft das, was sie nicht ist, sich nicht aneigenen kann – wie z.B. die Sexualität als eheliche Liebe –, schlägt direkte Beherrschung in Ausgrenzung und Verdrängung um. Der Preis für den historischen Aufbau eines gepanzerten Selbst ist folglich die Erzeugung weiter Räume des Unbewußten, eines ‚inneren Auslands‘ (Freud), das ununterbrochen mit hohem Energieaufwand bewacht werden muß. Jeder Austausch zwischen dem bewußten Selbst, das als Inbegriff des Menschen sich zu behaupten sucht, und den Zonen des Unbewußten und Ausgegrenzten unterliegt strenger Zensur und Kontrolle. Die Auszeichnung der Vernunft als eigentlich Menschliches und zugleich Gottesebenbildliches ist von dem Augenblick an, als intellektuelle Autonomie sich von leiblicher Gebundenheit und traditionalen Zusammenhängen abhebt, ein Akt der Herrschaft; der Selbstbeherrschung und der Naturbeherrschung zugleich. Zwischen Vernunft und der von ihr beherrschten inneren und äußeren Natur besteht eine Angstspannung. Diese wird im vernunftorientierten Selbstbewußtsein und erst recht im philosophischen Diskurs verleugnet. Die reale Angst, die den vorrationalen Menschen in seinem Verhalten zu den Naturmächten, zu überwältigenden eigenleiblichen Regungen und zu potentiell bedrohlichen Gegenübern erfüllt, weicht einer irrationalen inneren Angst vor dem Verdrängten, die nur aufhebbar scheint um den Preis des Untergangs des Selbst, in welchem der Mensch sich in Besitz genommen zu haben vermeint.“

Hartmut Böhme u. Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft [1985], S. 17f.


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