Erschöpft

Vorträge, Vorträge, Vorträge. Beide Bedürfnisse scheinen unvermindert groß – zu belehren und belehrt zu werden. Einen Nachmittag damit verbracht, mich über Angsterzeugung als Mittel politischer Herrschaft zu informieren, anschließend noch, als sei das nicht bereits genug, vom selben Redner etwas zur Frage, warum die global vernetzten Eliten das Volk fürchten.

Ich lauschte interessiert und forschte durch das Gewebe des gesprochenen Textes hindurch nach den Motiven dieses Aufklärers. Ein Enttäuschter, ein Idealist, ein Missionar? Kein Verschwörungstheoretiker, wobei er darlegte, daß solche Begriffe in Umlauf gebracht werden, um Herrschaftskritik zu desavouieren.

Der Redner sprach von Tiefenindokrination, der wir ausgesetzt seien, einer langfristigen Beeinflussung und Lenkung unseres Bewußtseins durch Sprache, auch und besonders mit Hilfe seiner Disziplin, der Psychologie, auch und besonders in der Institution Schule, die nicht eingeführt worden sei, um das gemeine Volk zu bilden und aufzurichten, sondern es zu gehorsamen, disziplinierten und funktionstüchtigen Untertan zu formen.

Ich habe Schule in den siebzigern und beginnenden Achtzigern erlebt – da wurde von uns Kritik gefordert. Da war etwas von der alten Gehorsamskruste aufgebrochen worden – zum Unwillen der konservativen Lehrerfraktion. Die mußte sich nur gedulden. Kohl verkündete wenig später die geistig-moralische Wende, später brach die Mauer weg und es galt, den triumphalen Endsieg des globalen Kapitalismus anzuerkennen und (anpasserisch) zu überleben.

Nichts da, Kritik … Wer kritisch ist, fällt auf und wird leise aussortiert. Wir sind smart und versenden lustige Emojis, um zu zeigen, wie begeistert wir mitmachen beim Ausverkauf von Geist und Vernunft und uns freuen, Teil einer beispiellosen Infantilisierung zu sein. Wir? Bestell deine Ware per Mausklick, und ein anderer muß flitzen in der digitalen Dienstbotengesellschaft.

Der Redner knöpfte sich die Ideologie der Neocons vor, sprach von der Theologisierung des Marktes, auf dem sich jeder Einzelne unterzubringen habe, funktionstüchtig, flexibel und diszipliniert. Allein der Markt entscheidet, was gut und richtig ist. Konkurrenz belebt das Geschäft, jeder gegen jeden. Willkommen im 21. Jahrhundert, das kriegerisch begonnen hat und kriegerisch bleibt.


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