Orte und Geister und Gewichte

Stadtluft macht frei, hieß es früher. Sie tut es noch. Jedesmal ein spürbares Aufatmen, wenn ich zurück in Berlin bin. Eine Erleichterung, als fiele ein Bleimantel zu Boden. Fahrten in die alte Heimat sind schwierig. Fast schon so, als sei ich ein Fremder. Dort stehen und warten Monumente wie aus einem letzten Jahrhundert. Häuser, Höfe, Scheunen, Schuppen, Ställe, Gärten, Schilder, Laternen. Ich möchte, daß sie mir vertraut erscheinen, doch sie sind fern geworden durch die Zeit und das, was Zeit macht, wenn sie als große Veränderin durch die Räume schreitet und uns Sekunden in die Augen streut. Die dringen ein und verwandeln. In der alten Heimat sind die Toten begraben. Doch ich finde am Grabstein nicht zum geliebten Menschen, der darunter liegt. Denkmäler sind nichts. Je mehr ich soll, desto weniger kann ich. Ich betrachte den Stein und die Schrift, lese den Namen und die Daten. Ich bin ohne Gefühl, ganz ohne Gefühl. Es gibt keine Erinnerung, kein einziges Bild. Ich stelle mir nicht vor, wie es dort unten aussieht, wo die Knochen lagern und die Würmer nagten. Ein Grabstein ist für die Lebenden, damit sie wissen, wohin sie gehen können, wenn das Vermissen zu stark wird. Die Denkmäler sind für die Überlebenden, und an die denke ich, wenn ich vor einem Denkmal stehe. An ihren Schmerz und ihre anderen Gefühle und Gedanken. Den Toten sind diese Orte einerlei. Deshalb sind Friedhöfe auch nicht unheimlich, es sei denn, die Lebenden machen einem Angst.


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