Gebet zur Nacht

Langsam und zögerlich löst sich meine Zunge, kann auch die Hand wieder schreiben, was das Herz befiehlt. Die Häuser mögen verschlossen wirken, die Straßen und Plätze verwaist; aber in den Menschen geht etwas vor – und in mir doch auch. Es hat begonnen eine Zeit, und sie währt nicht lang, in der es das Leichteste ist, die Wahrheit zu sagen. Sie, die so oft verhüllt wurde und verschleiert gehen mußte. Manche empfanden es als obszön, sie beim Namen zu nennen. Wesenheit, Geistfigur, Fluidum. Erscheinung des Nachts oder in den Stunden anderer Reichweite und sonderen Empfangs. Das Sinnen der Sinne. Abkommandiert in die Logik und zerschnitten zu Wahrheitswerten. Auch ich habe mich kaltgestellt und werde es wieder tun. Wer mir mit der Wahrheit kommt, der kann mich mal. Deshalb liebe ich Cioran, diesen letzten Europäer, der wußte, daß man an einen Gott glauben muß, weil sonst alles sinnlos ist, und zugleich spürte, daß es nicht mehr möglich ist. Während die Ignoranten beidseits der Frontlinie aufeinander eindreschen, idiotisch und entleert, Zirkus einer Entladung von angestauter Emotion, für oder wider Gott, wer immer und was auch sonst damit gemeint sein mag (frag die Autoritäten). Gute Zeit für Wahrheit, da zugehört wird und Aufmerksamkeit herrscht. Sie herrscht uneingeschränkt. Die Karte ist neu eingenordet worden, und das, obwohl ein Polsprung erwartet wird. Aber ich will hier nicht faseln, sondern nur sagen, daß man jetzt alles tun kann. Wenn es richtig ist und wahr. Sich ins richtige Verhältnis setzen. Auf die eigene Situation herabschauen wie von hoch oben. Mit einem Mal wissen, was zu tun ist. Ohne innere Propaganda oder irgendeine Technik der Selbstüberzeugung oder -überredung. Zu wissen: das alles will ich nicht. Der Rest ist handeln, mehr nicht.


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