Erwartung

Leben ist Erwartung, nicht Lebenserwartung. Lebenserwartung ist eine Chimäre, eine „statistische Vision“. Statistik und Vision schließen sich aus, daher die Anführungszeichen. Was ich berechnen kann, ist jeglicher Vision entzogen, ist lediglich Vollzug oder Nichtvollzug (nach Ermittlung von Aufwand und Nutzen). Leben ist Erwartung, weil Leben sich erfüllen möchte. Dafür benötigt es Raum und Zeit, Geduld und Wachstum, Richtung und Ziel, Halt und Freiheit, Sicherheit und Wagnis, Phantasie und Wissen, Rebellion und Tradition, Herkunft und Abenteuer und zwei-, drei- oder vierfach weiter. Zwischen Geburtsschrei und Todesröcheln paßt eine Menge Zeug, und es ist gut, vieles zu erproben, besser jedenfalls, als dauernd zurückzuhuschen und sich in einer Gruft zu verkriechen aus Angst vor Wind und Wetter. Da ich ganz gut im Verkriechen bin, darf ich dazu was sagen. Ich lebe in Erwartung, und ich schützte mich viele Jahre, damit ich reifen kann, um das zu bestehen, was mir bevorsteht. Das ist kein Wortspiel, sondern worternst. Auf eine Weise, die ich schwer erklären kann, habe ich noch nicht gelebt. Bisher noch nicht. Alles war Vorspiel, Übungsstunde, Bekanntmachen mit Orten und Zeiten. Wenig passiert bislang. Das Entscheidende kommt noch. Wenn das der Tod ist, werde ich es akzeptieren. Wenn ich das nicht kann, werde ich kämpfen und schreien. Aber ich werde nicht irgendeinen Blödsinn von mir geben namens Lebenserwartung. Wenn Schluß ist, ist Schluß. Vorhang zu, Dramaende.


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