Aus dem Zusammenhang 112

„Der höhere Rhythmus der Geschichte kann überhaupt dahin gedeutet werden, daß der Mensch sich wiederentdeckt. Immer sind Mächte, die ihn maskieren wollen, bald totemistische, bald magische, bald technische. Dann wächst die Starre und mit ihr die Furcht; die Künste versteinern, das Dogma wird absolut. Doch seit den frühesten Zeiten wiederholt sich das Schauspiel, daß der Mensch die Maske abnimmt. Und dem folgt Heiterkeit, wie sie der Abglanz der Freiheit ist.

Man hat sich unter dem Banne mächtiger optischer Täuschungen daran gewöhnt, den Menschen im Vergleich zu seinen Maschinen und Apparaturen als ein Sandkorn anzusehen. Die Apparaturen sind und bleiben jedoch Kulissen der niederen Imagination. Der Mensch hat sie erstellt und kann sie abbrechen – oder in eine neue Sinngebung einbeziehen. Die Fesseln der Technik können gesprengt werden, und zwar gerade durch den Einzelnen.

Es bleibt noch auf die Möglichkeit eines Irrtums hinzuweisen. Gemeint ist das Vertrauen auf die reine Imagination. Dabei sei eingeräumt, daß sie zum geistigen Siege führt. Indessen kann es auf die Gründung von Yoga-Schulen nicht ankommen. Sie schwebt nicht nur zahlreichen Sekten vor, sondern auch einer Art des christlichen Nihilismus, der sich die Sache billig macht. Man kann sich jedoch nicht darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und das Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird. Man kann es auch dann nicht, wenn man sich geistig in nicht nur gesicherter, sondern auch überlegener Position befindet, und zwar deshalb, weil das unerhörte Leiden von Millionen Versklavter zum Himmel schreit. Immer noch liegt der Dunst der Schinderhütten in der Luft. Um solche Dinge schwindelt man sich nicht herum. Es ist uns daher nicht gegeben, in der Imagination zu weilen – obwohl sie den Aktionen die Grundkraft gibt. Dem Machtkampf geht Bilderabgleichung und Bildersturz voraus. Das ist der Grund, aus dem wir auf die Dichter angewiesen sind. Sie leiten den Umsturz ein, auch den Titanensturz.“

Ernst Jünger, Der Waldgang [1951]


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