Journalist wollte ich werden. Mit einem Mal war ich es, absolvierte Praktika in Dresden und Leipzig kurz nach ‚der Wende‘. (Dazu später einmal mehr.) Die Fernsehproduktion, für die ich meinen 30minütigen (an einen Sender verkauften) Praktikantenfilm realisierte, wollte mich festangestellt. Ich erkannte darin etwas Gutes und willigte ein.
Ich kam von der Universität und hatte gelernt, Sachverhalte differenziert wahrzunehmen und entsprechend darzustellen, manchmal (oft genug) umständlich. Beim Filmemachen geriet ich zurück in die Einfachheit. Die Fernsehproduktion orientierte sich am Stil von Spiegel TV, der galt damals etwas. Konfrontativ, zuspitzend, aggressiv, parteiisch. Hier die Guten (Opfer), dort die Schlechten (Täter).
Ich ertappte mich dabei, wie ich jeden freien Augenblick meiner Arbeitswoche damit verbrachte, herumzustreunen und jene Orte aufzusuchen, für die sich Journalisten nicht interessieren müssen. Ich war neu ‚im Osten‘ und dachte nicht ans Verwerten. Ich wollte nicht einmal werten. Wozu auch? Es war doch erkennbar schwer für alle, mit diesen neuen Verhältnissen klarzukommen.
Ich war naiv, oh ja. Aber ich erkannte schnell, daß ‚die Wahrheit‘ nicht dort zu finden ist, wo ein Kamerateam sich aufbaut und sogenannte Wirklichkeit abfilmt, wo später ‚das Material‘ gesichtet, geschnitten, montiert und besprochen wird. All das geht übrigens sehr schnell vonstatten. — Wir fuhren mit einem kleinen Team abends nach Hoyerswerda und filmten die Übergriffe auf eine Asylantenunterkunft. Mit dem Filmmaterial fuhren wir nachts noch nach Berlin zum RIAS. Ich bekam eine kleine Kammer zugewiesen und sichtete unser Material, stellte eine Szenenfolge zusammen, textete den Sprechertext, überwachte Schnitt und Sprachaufnahme. Fertig. Hoyerswerda im Frühstücksfernsehen, 2 Minuten und 30 Sekunden.
Scheiß Ossis, sagte die Rezeptionistin beim RIAS, als ich das Gebäude verließ. Sie sah soeben auf ihrem kleinen Fernsehbildschirm meinen Beitrag über Hoyerswerda. Hatte ich denn alles falsch gemacht? Mir ging es in dem Bericht doch darum, zu zeigen, daß einige Umstände zusammengekommen waren, um ein solch häßliches und abschreckendes Bild zu ergeben.
In Hoyerswerda saßen die Bewohner der umliegenden Häuser auf den Balkonen und wohnten dem Spektakel bei, sie grillten und tranken Bier. Einige johlten, während die überforderten Polizisten (vor kurzem noch Volkspolizei) versuchten, die gewaltbereiten und aggressiven Leute von der Asylantenunterkunft fernzuhalten. Uns bot sich ein sinistres (unheilvolles) Schauspiel. Wir mußten, um besser filmen zu können, durch die Polizeiabsprerrung hindurch. Die Polizisten ließen uns nicht. Also kam mir eine Idee.
Wir ließen uns von einem jungen Mann, der dort untergebracht war, einladen. Er war freundlich und wirkte sehr verängstigt, sprach ein bißchen Englisch. Mit ihm gingen wir durch die Polizeiabsperrung hindurch auf sein Zimmer. Von dort aus konnten wir filmen, was unten auf der Grasfläche und gegenüber auf den Balkonen der benachbarten Plattenbauten los war. Das war gutes Material, aber dieses Material allein ergab noch nicht ‚die Wahrheit‘.
Weil ‚die Wahrheit‘ nicht darin besteht, daß jemand schlecht oder böse ist oder bekehrt werden muß. Ich weiß nicht, worin die Wahrheit besteht. Aber filmischen Darstellungen der Wirklichkeit gegenüber sollte man besonders skeptisch sein. Das Material bestimmt die Tendenz des Berichts, könnte man meinen. Die Unschuld des Materials?
Als ich die Fernsehproduktion wieder verließ, sagte ich: Fernsehen ist ein Nullmedium. Es benötigt Bilder. Bilder suggerieren Anwesenheit und Zeugenschaft, eigenes Sehen und Verstehen. Interessanter aber ist das, was nicht zu sehen ist. — Es ist gut, für kurze Zeit einmal dort gestanden zu haben, wo angeblich die Macht waltet. Journalisten sind froh, wenn sie ihren Beitrag zusammenbekommen. Daß sie eine Haltung haben, ist klar. Daß sie sich irren können, sowieso. Daß sie mehr wissen, als sie zeigen können, auch.
Ich mißtraue Bildern nicht grundsätzlich, vielmehr liebe ich sie. Doch die Eindeutigkeit, die sie unterschieben, mag ich bezweifeln. Meist ist es viel schlimmer als gezeigt, um auch das noch zu sagen. Aber schlimmer in eine Richtung, die Journalismus nicht mehr darstellen kann. Traurigkeit, Selbstwertverlust, Verwahrlosung.
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