Die stille Straße

Melancholie streicht um die Häuser, heftet sich an, wo verloren wird. In meiner Nachbarschaft ist eine Kneipe gestorben, Kerzen stehen vor der verrammelten Tür. Niemand geht fortan dort noch trinken.

Investoren haben das Haus übernommen, der Gerichtsvollzieher war da. Polizeieinheiten haben drei Tage und nächtelang aufgepaßt, daß die Räumung vollzogen werden kann. Großaufgebot.

Nun schläft der Kiez, erschöpft von Anstrengung und Aufmerksamkeit. Niemand schaut sonst hierher. Wem gehört die Stadt und weshalb? Mir scheint, die Diskussion fängt gerade erst an. Nachbarn beschweren sich über den Lärm, den es macht, wenn Widerstand geleistet wird gegen Recht und Gewalt.

Wenn die das machen, sagt eine (sie meint die Protestierenden), dann machen die das ja auch für uns. Dabei schaut sie mich an, als wolle sie fragen: Ist das so? Ich wage nicht zu hoffen, nicke aber. Es gibt ein gewaltiges Problem, und die Auseinandersetzungen der letzten Tage sind dessen Abbild.

Die Melancholie rührt daher, daß geschehen ist, was geschehen mußte. Mit einer stupiden Folgerichtigkeit wird die Geldbesitzlogik exekutiert, der unser Recht offenbar nicht genügend Widerstand entgegensetzen kann. Daß die Vertriebenen bis zuletzt gekämpft haben, ehrt sie.

Das Syndikat ist Geschichte. Syndikat bedeutet ‚Verwalter‘. Verwalter einer Angelegenheit. Das Syndikat in der Weisestraße wurde nicht ganz zu Unrecht als „eine Institution“ bezeichnet. Die Weisestraße ohne Syndikat ist wie der Ku’damm ohne Kranzlereck.

Fünfunddreißig Jahre Syndikat – Blut, Schweiß, Tränen. Lange Nächte, Billardturniere, Plakate, Parolen. Stehtische, Schwarzästhetik, Klosprüche, Aufkleber. Kampf für dieses und jenes. Kampf. Immer ist (war) Kampf.

Ich beobachte die Polizisten, die bei dieser Bullenhitze ihren Dienst versehen und auf Befehle warten, die sie ausführen müssen. Warten zu können ist die schwere Pflicht der Einsatzkräfte. Und dann geht es plötzlich und immer ganz schnell.

Die Einsatzkräfte sind gut ausgebildet, lassen sich kaum provozieren. Das erstaunt mich. Bei den Veranstaltungen zum Ersten Mai in Kreuzberg in den sogenannten Nullerjahren waren sie noch terriermäßig unterwegs, ließen sich durch Aktionen ihrer Gegner lenken.

Nun ist es still im sogenannten Schillerkiez in Neukölln. Ohne die Verwalter unserer Angelegenheiten werden wir demnächst unberuhigter und unbetäubter durch die Straßen gehen. Was ist das für ein Leben, wenn wir an unbewachten Orten saufen gehen, um das Elend zu bestehen?


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