Wenn das Leben sich durch mich lebt, ich auf seinen Befehl hin empfinde, meine verkümmerten Instinke – aber immerhin: Instinkte – mich in bestimmte Richtungen handeln lassen, worin besteht meine Freiheit? Sie könnte in der Befehlsverweigerung bestehen, beispielsweise. Das kann der Geist. Er kann sich querstellen und zum Widersacher des Lebens werden. Gottfried Benn nannte den Geist „bio-negativ“, E. M. Cioran vertrat die Auffassung, es sei besser, nicht geboren zu sein. In ihren Werken wird der Blick auf den Skandal des Lebens geschärft: dessen Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Häßlichkeit, Dummheit. Sie betrachteten das Spektakel, dieses Auf und Ab und Hin und Her und Hoch und Runter des Lebens, als intellektuelle Ästheten. Es war ihnen nicht vornehm genug. Der Geist, dem sie dienten, fühlte sich durch die Machenschaften des Lebens beleidigt.
Am menschlichen Körper gibt es wenig zu feiern: zu diesem Ergebnis kommt man nach der Lektüre der Benn-Gedichte aus dem Leichenschauhaus (Morgue und andere Gedichte, 1912). Viel Tamtam um einen Haufen Dreck, der entsorgt werden muß. Das klingt noch heute skandalös, doch immerhin hat der junge empfindsame Arzt den Mut, sein inneres Aufbegehren gegen den Widerspruch zwischen nackter Tatsächlichkeit und den feierlichen Reden, mit denen das Entsetzliche verdeckt und umflort wird, auszudrücken. Jene Generationen wurden offiziell dahin erzogen, im Menschen etwas Hohes und Edles zu sehen (Benn wurde 1886, Cioran 1911 geboren). Parallel lief die Zersetzungsarbeit des Geistes, gestützt auf die Naturwissenschaften, Medizin und Psychologie. Der Mensch wurde vom Sockel gezerrt, das Leben zerfiel in Funktionen.
Die Götter sollen die Einheit stiften, denke ich. Das zur Frage von gestern. Auch sie spielen das Spiel des Lebens. Sie sollen uns trösten, nicht zuletzt darüber hinweghelfen, daß wir selbst keine Götter sind, sondern halb noch bloßes Tier, also getrieben und steuerbar. Auch ohne sie muß das hingenommen werden. Wir sind nicht souverän, doch wir streben es an. Ich sehe mich um: Ausnahmslos alle wollen Kontrolle. Nur ein paar haben sich hingegeben und leisten keinen Widerstand mehr. Über sie muß gesondert geschrieben werden. Sie sind die trunkenen Tänzer des menschlichen Seins.
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