Aus dem Zusammenhang 136

„Wer über Wanderer und Vagabunden gelesen hat, der weiß: Das Leben als Streuner ist hart. Wer Fotografien und Bilder von Landstreichern betrachtet hat, sieht: Das Dasein eines Landstreichers kostet Kraft. Wer einige Monate unterwegs gewesen ist, der weiß: Das Wanderleben ist brutal und zerstörerisch.

Man ist ohne Heim. Man schläft im Freien. Man ist ein Fremder und erweckt Mißtrauen. Man ist schmutzig und hungrig. Man ist allein, geht und geht, es regnet und stürmt, man schläft geduldet, in einer Scheune oder Pension; was man besitzt, trägt man auf dem Rücken, die Beine schmerzen, die Schultern schmerzen, der Körper schmerzt, man vermißt ein Bett und eine Geliebte.

Ich komme an zwei Bauernhöfen vorbei, trete wieder durch ein Gatter, folge einem Bach und gewinne nach und nach Aussicht auf den Stadtteil Bergens, den ich soeben verlasse habe. Åsane. Die eine Hälfte der Vorstadt prägen Autobahn und Einkaufszentren, Neubauten und Wohnviertel; Reihenhäuser und Wohnblocks und Einfamilienhäuser, die aus der Ferne unbewohnbar wirken, dünn und flach, wie Kulissen. Noch schlimmer wird es, wenn man die Tür zu einem dieser Häuser öffnet und in ein Heim hineinschaut, das sich einzig dadurch auszeichnet, den übrigen zu gleichen; das Wohnzimmer mit dem Fernsehapparat und den vielen Lampen, all das künstliche Licht, die unangenehme Wärme, die vielen überflüssigen Zimmer, die lebensfeindlichen Möbel, dieses halbtemperierte Interieur, das uns wissen läßt: Die Arbeit, die wir verrichten, ist verschwendet, das Geld, das wir verdienen, wird mißbraucht, falsch verwendet, das Leben, das wir führen, ist uninteressant.

Die anderes Hälfte Åsanes erstreckt sich bis zu den Felsen und Bergrücken, alte Häuser und Höfe, Traktorenstraßen und Feldwege, Bäume und Bäche, Blumen und Gras; langgestreckte, gewellte Flächen, die im Licht der Sonne glänzen. Die alte und die neue Zeit. Die alte Zeit war nicht besser als die neue. Die neue Zeit ist nicht besser als die alte. Man muß wählen, nach bestem Wissen und Gewissen, wie gut man leben will. Aber wie ist es möglich, daß so viel Geld, so viel Wohlstand, zu einer häßlicheren Landschaft, einer schlechteren Architektur geführt haben?

Wie ist es möglich, daß man billigere Lösungen, schnellere Lösungen wählt, daß man mit so viel Geld baut und erschafft und so schlecht denkt? Gedanken dieser Art bedrängen einen, wenn man auf dem alten Postweg in Åsane geht.

Ich will Briefe schreiben.

Ich bin voll des Abschieds.

Ich gehe über Hügelkuppen und zum Kreisgefängnis in Breistein hinunter; die hohen Mauern; ein Baum, der Schatten des Baums, der neben der Betonwand wächst. Zwei Pferde grasen vor der Mauer, als sollte uns all diese Freiheit außerhalb der Mauern, all diese Schönheit, davon künden, wie brutal es ist, auf der anderen Seite hinter Gittern zu sitzen.

Ich gehe vorbei am Gefängnis und am Asylantenheim, einem Kindergarten, Gärten und Häusern, einem angeleinten Hund, einem Gewächshaus; Blumen in Reihen, ein Mann in seiner Garage, im Auto, ich erblicke hier nichts als Unfreiheit, wo immer ich gehe, vorbeigehe, schneller jetzt, ich folge der asphaltierten Straße bis zum Kai und der Fähre, die mich nach Valestrand übersetzen soll. Auf dem Kai ziehe ich mich aus und springe ins Meer. Schwimme. Ich sehe die Fähre in der Mitte des Fjords.“

Tomas Espedal, Gehen


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