In einer schnörkellosen Technokratie wird man von den Musen wenig halten. Wo leben die, wer sind die, haben die sich angemeldet. Ist das nicht der Fall, existieren sie nicht. Nächstes Problem bitte. Manchen juckt ja auch der kleine Finger der linken Hand, aber die linke Hand ist längst amputiert. Phantomschmerz. Ich leide unter kulturellem Phantomschmerz, ach nein: unter menschlichem, auch künstlerischem. Mir fehlt was. Es hat mit Musik zu tun und auch mit den Göttern, die ich als Chiffren begreife für Unbenennbares, das deshalb aber nicht minder wirkt und nicht verachtet werden soll. Siehe die Kulturen der Welt. Ich sehne mich nach Feier des Lebens, die nicht trivial ist oder formal oder aufgeblasen pompös. Nicht nach erlogener oder bloß behaupteter Leidenschaft, sondern ernsthaftem Tasten und Forschen, nach neuer Suche und besseren Fragen. Lieber herumstottern und nach den richtigen Worten suchen, als auch die schon wieder parat haben – wie sie hier überhaupt dauernd alles parat haben, antwortschnell und abwiegelnd. Was mir hier geboten wird, kommt aus der Pistole geschossen und wirkt derart eingelernt, daß Mißtrauen am Platz ist. Daß in den Köpfen und Herzen der Menschen einmal nicht nur Angelerntes ist, sondern echte Freude. Sehr schön, werden alle sagen und es rührend finden, sogar niedlich. Ein Entzückenspreis für harmlose Utopie (Idealismus?). Das können wir finanzieren, rechnet das mal durch. Aber nicht ins Freudenhaus mit all der Kohle, man weiß ja nie. Und jetzt raus mit dem Zeug, kommt schon die nächste Petition.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.