Begebenheit in der Untergrundbahn, Station Mehringdamm. Zeugen Jehovas steigen ein. Zwei Missionare, Frau und Mann, haben für heute eingepackt und fahren heimwärts. Sie trägt einen roten Mantel, der ihr bis zu den Knien geht, er eine hellbeige Windjacke. Er setzt sich, sie bewacht den Rollwagen, den sie mit sich führen. Auf dem festgeschnallt ist der Plakataufsteller, mit dem die beiden eben noch Menschen sie ansprechen machen wollten, oben auf der Straße. Die Plakatpappe ist mit einem Spanner auf dem Handroller befestigt, nicht mit der Rückseite, mit der Vorderseite zu uns im Waggon. Feige sind sie nicht, die Zeugen. Sie zeigen sich. Auf dem Plakat sind Menschen zu sehen, die sich aus einer qualmenden Stadt, die in Schutt und Asche liegt, befreien und das rauchende Inferno hinter sich lassen. Bildüberschrift: „Kommt das Ende?“ Unten rechts der Hinweis auf die Internetseite.
Die Mai-Botschaft, die ich dort finde, lautet: Das Beste an der Bibel ist, daß sie uns mitteilt, „wie man dieses Ende überstehen kann.“ Weiter unten ist eine Zeichnung, Tusche oder Aquarell: eine Familie voran, andere hinterdrein, ein Zug fröhlicher Menschen aus den qualmenden Ruinen einer Stadt heraus, in der Wolkenkratzer brennen und auch sonst alles verloren ist. Die Familie als Spitze einer Karawane der Geretteten schreitet über eine grüne Wiese, auf der die weißen Blumen blühen, als gäbe es die verkohlenden Stümpfe der verlassenen Stadt nicht, als walte auf ihr, der Wiese, der Geist einer total unwissenden Unschuld. Die Geretteten retten sich, die anderen verdorren ganz zurecht. Wären denn sonst die Davongekommenen so fröhlich? Denn wie kann man Menschen zurücklassen, die sicher sterben, verbrennen, verhungern, verdursten – und dabei lächeln?
Ich habe Gelegenheit, ihn und sie, die beiden Verkünder der Botschaft vom nahenden Ende der Welt und den Möglichkeiten, sich zu retten, zu beobachten. Sie sind selbstbewußt bescheiden, falls es diese Verbindung gibt. Sie wissen beide, was sie tun. Sie sind sich gewiß (oder geben vor, es zu sein). Vielleicht überwachen sie einander, vielleicht aber lieben sie sich auch. Nichts ist ausgeschlossen. Ich möchte sie schön sehen, da sie mich dauern, trotz ihrer unverschämten Arroganz. Sind die beiden halbwegs bei Verstand? Wissen sie, was sie tun? Glauben sie wirklich, daß „die Guten“ der Verdammnis entrinnen? Sicher möchten beide dazu gehören. Zu den Gerechtfertigten, zu den Auserwählten.
Da kommt eine schöne Zerrissene den Gang entlang, bittet um etwas Geld oder darum, ihr eine Obdachlosenzeitung abzukaufen. Sie kennt das Elend, sie lebt darin, sie schlägt sich durch. Während sie von Sitzbank zu Sitzbank geht, tritt sie niemandem zu nahe, verkündet keine Gewißheit, fordert keine Buße, klagt nicht an. Sie bittet um ein paar Cents, falls das möglich ist. Die beiden Zeugen des künftigen Weltuntergangs und der Rettung der Gerechten zucken nicht einmal. Dieses Konkrete geht sie nichts an. Sie sind zuständig für die Generallinie, für Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederrekrutierung (wie bei den NGOs). Vermutlich verdient die Bettlerin ihr derbes Los, sicher hat sie nicht gottgerecht gelebt. Überdies: alles Geld der Organisation. Die Bettlerin aber ist das Schöne, sie leuchtet und bekommt.
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