Ich vertraue von Kindheit an

Ich kann vertrauen, auch wenn ich nicht vertrauensselig bin. Wenn mir jemand, den ich kenne, etwas sagt, dann glaube ich das. Man kann mich gut verarschen, mir einen Bären aufbinden, mich an der Nase herumführen. Das habe ich von meiner gutgläubigen Mutter geerbt. Sie war stets überrascht, wenn etwas nicht so zutraf, wie es zuvor gesagt worden war. Versaute Witze verstand sie nicht, auch wenn ihr Schwager sich alle Mühe gab, ihr welche beizubringen. Hahaha! freute er sich, wenn er ihr bei einer seiner vielen Zigaretten erklärte, was es mit dem schlüpfrigen Witz auf sich hatte. Sie lachte dann mit, damit er sich freute. — Der Politik, wer immer das ist und für sie sprechen mag, vertraue ich natürlich nicht. Politik handelt meistbietend und taktisch mit Tages- und Wochenwahrheiten, erarbeitet Versionen einer umfangreichen Geschichte und ist bemüht, Lesarten einer erwünschten Wirklichkeit durchzusetzen gegenüber konkurrierenden Verstehensbemühungen. Politik ist absichtsvoll, führt etwas im Schilde. Das Aktionen der Politik verhandeln Relativität, in ihrer Sphäre ist nichts absolut (damit läßt sich nichts anfangen), unverrückbar „wahr“ und richtig. Wird heute plakatiert, was das Zeug hält (Penetration ist Investition innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie), ist morgen bereits ein Gegenentwurf geschrieben und unterzeichnet, der erklärt, weshalb die Kampagne falsch und ein bedauernswerter Fehler war. Dieser kontrollierte und wohldosierte Opportunismus zeichnet meines Erachtens Politiker aus. Daß sie das nicht zugeben, handelt auch von Selbsttäuschung. Sie können kaum hinausgehen und auf dem Marktplatz der Meinungen sagen, daß sie diejenigen sind, die stets wissen, von wo der Wind weht und in welche Richtung.


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