Aufmerksamkeit für Rainer Werner Fassbinder, der am morgigen Sonntag 70. Geburtstag feiern müßte, wäre er nicht am 10. Juni 1982 gestorben. Gespräch zwischen Alexander Kluge und Peter Berling über die Todesursache: fortwährender Konsum von Kokain und Valium. Das hält kein Körper aus. Herzstillstand mit 37 Jahren. Sie stimmen darin überein, daß man ihn hätte retten können. Historischer Konjunktiv. Der verzogene Sohn, das aufbrausende Wunderkind, der tob- und sexsüchtige Workaholic, der eifersüchtig-despotische Clan-Chef, das Riesenarschloch des Filmfeuilletons – der deutsche Filmdiktator RWF ist tot und bleibt tot. Seine Filme sind noch immer nichts für mich. Kann sein, daß vieles in ihnen und an ihnen wahr ist. Ich mag diese Leute nicht, die er zeigt. Eingepreßte deutsche Seelen, keine innere Freiheit, hinten herum ein paar heimliche Vergnügungen. Mariacron auf dem Tisch, ewig stabt die Zigarette. Die perversen siebziger Jahre mit Terroristenjagd und Rechts-links-Paranoia. Alle brüllten sich an oder verhörten sich gegenseitig. Darf ich dich mal nach deinem Demokratieverständnis fragen? Fassbinder und seine Mutter im Filmschnipsel aus Deutschland im Herbst. Schöne Bescherung, dieses Leben in der Enge einer Haßliebe. Am liebsten hätten sie sich gegenseitig umgebracht, die Deutschen der siebziger Jahre. Krieg der Generationen und Fraktionen. Jeder gehörte irgendeiner Fraktion an. Fraktionierte Menschen nach der großen Geschichtsfraktur. Aus jenem Deutschland der hysterischen Menschen die hysterischen Filme eines hysterischen Genies. Kein Wunder: Der Mundgeruch des Führers hing über allem.
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Es ist natürlich eine Gemeinheit von Dir, mit dem toten Diktator F. zu beginnen und mit dem anderen toten Diktator H. zu enden, aber rhetorisch. „schön“. Fein auch das Bild von des Führers Mundgeruch, dessen wichtigster Körperteil – jedenfalls in der Außenwirkung – ja gerade sein Mund (bzw. seine Sprechwerkzeug) war.
In der Beurteilung der geistigen Lage der 70er Jahre stimme ich mit Dir aber nur teilweise überein. Mit dem Sieg der Kulturrevolution 1968 war die Frontstellung gegen die nationalsozialistischen Traditionen zunächst einmal erledigt. Die Rechts-Links-Paranoia gibt es erst wieder seit der Jahrtausendwende. So viel gebrüllt wurde in den 70ern gar nicht, aber viel diskutiert und demonstriert. Und man wollte sich nicht gegenseitig umbringen, sondern glaubte sich noch auf dem Weg in eine bessere Zukunft, deren Utopie erst leicht angekratzt war.
Und man hat gelebt und geliebt. Die in den 60ern errungene „Freiheit“ lebte man jetzt aus, und zwar auch in der bürgerlichen Mittelschicht.
Nicht zuletzt waren die 70er Jahre auch eine Epoche, in denen es vielen Deutschen materiell weiterhin oder erstmalig sehr gut ging, und in den Genuss kam auch die nachwachsende Generation, wie Du Dich selbst noch erinnern können müsstest.
Deine Antipathie oder Gleichgültigkeit gegenüber Fassbinder hindert Dich, scheint es mir, an einem etwas angemesseneren Urteil. Du blendest z.B. weitgehend die psychologische Ebene aus bzw. travestierst sie nur. Aber ich bin kein Fassbinder-Kenner und kann daher im Moment nichts substanziell beitragen, sondern nur Fragen stellen.