In Downton Abbey diskutieren die Damen, Großmutter und Mutter, den Verlust der Unschuld durch den Anblick von Kriegsversehrten und Entstellten in den Lazaretten. Erster Weltkrieg. Eine der Töchter (Enkelin), idealistisch, möchte sich zum Dienst hinter der Front melden, ist behütet aufgewachsen, weiß noch nicht, was es da draußen alles geben mag und tatsächlich gibt. Vielleicht ist die Übersetzung ins Deutsche schlecht, denn statt von Unschuld sollte von Ahnungslosigkeit die Rede sein. Mit Schuld hat die Ahnungslosigkeit bisher keine Berührung gehabt, insofern mag man sie mit der Unschuld verwechseln. Die Unschuld ist oder war kulturell hochaufgewertet, die Ahnungslosigkeit ist es nicht. Das bedeutet – sie könnte bereits wissen, weiß es jedoch nicht oder will es nicht wissen. Letzteres wäre frevelhaft, ersteres gewissen Umständen geschuldet. Wie gut ist es, Kinder möglichst lange fernzuhalten von den Tatsachen des Lebens – wie gut ist es, eine lange Kindheit gehabt zu haben, in Obhut, Geborgenheit und Liebe? Und wann erfolgt der Stoß in die Tiefe, das Fliegenmüssen, das Aus-dem-Nest-gestoßen-Sein? Möglichst spät, möglichst früh, möglichst wann. Wirklichkeit ist die verkannteste Majestät, ich wiederhole mich. Auch über gute Ideen will man an ihr vorbei. Sie kann sich selbst nicht rechtfertigen, nicht vor dem Richtstuhl der idealistischen Vernunft. Aber das führt zu weit hinaus. In der Serie höre ich eine alte Zeit sich äußern und gerechtfertigt sehen. Das rührt ans Herz.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.