Zeitkritisch nannte man früher manche Schreiber, auch gesellschaftskritisch. Das macht heute keiner mehr, das hat sich vorerst erledigt. Dafür sollte es Gründe geben. Ich vermute, daß der Druck zugenommen hat, und zwar drastisch. Man kann ihn Konformitätsdruck nennen, ja sicher. Doch dem zu widerstehen war ja ein Ehrenzeichen damaliger Kritik. Einer Kritik, die sich bis in die neunziger Jahre halten konnte, dann aber symptomatisch verschwand. Nach Nine-Eleven regte sie sich noch einmal, doch nun widerspricht niemand den großen Programmen und den Agenden des aktuellen Fortschritts. Nur ein paar Irre toben noch herum, die nimmt sowieso niemand ernst. Man kann sie aufnehmen und archivieren, ins Bestiarium stellen für die Nachwelt. Das Jahrhundert der Biotechnologie ist eingeläutet, die Lebenswissenschaften boomen, gewaltige Prospekte tun sich auf. Eine Menschheit ohne Krankheit, Leid und Alter. Das Alter gilt bereits als Krankheit, dazu sind Bücher erschienen. Man prokelt herum und will Richtung Unsterblichkeit. Jeder Wunsch soll erfüllbar sein, das heißt Menschlichkeit. Wäre es nicht schön, wenn ich nicht nur ich, sondern zugleich auch jemand anderes sein könnte. So geht es demnächst noch gewisse Zeit, dann wird auch solches Projekt langweilig, dann fliegen sie endlich zum Mars, um dort ihre Kindereien (Ich will aber!) auszuprobieren und weiterzutreiben. Zeitkritik ist überflüssig, wo niemand sie eigens benötigt. Achselzucken zeigt an, daß man weiß, aber nichts ändern will. Wie die Alten, so die Jungen. Die Alten wollen weiter Diesel fahren, die Jungen weiter ihre Daten abgeben, an wen auch immer. Niemand braucht Zeitkritik, da sich die Zeit unaufhörlich selbst kritisiert in ihrem Handeln, und zwar wissentlich.
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