Während es regnet

Die meiste Zeit bin ich hier in Berlin. Wanderungen durch die Stadt, stundenlang. Manchmal auch über das große Feld des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Es ist mir nun zu klein, ich muß weiter ausholen, größere Kreise ziehen. Zwei Jahre damit verbracht, den Himmel und die Wolken und die Sonne – nicht nur zu sehen, sondern auch zu photographieren. Als gäbe mir das Halt oder ergäbe solches Tun einen Sinn. Was weiß ich, was wir tun, wenn wir nahe daran sind zu verzweifeln, und zwar am Verstand der Leute und am Sinn dessen, was über uns gekommen ist wie ein – weiß nicht. // Der bekommt gerade seinen Rappel, sagten wir über unseren verrückten Hund, wenn er knurrend im Kreis sich drehte und immer wütender wurde, weil es ihm nicht gelang, seinen Schwanz zu schnappen, der ihn offenbar mächtig provozierte. Und dieser kreiselnde Hund namens Raudi – es hat ihn gegeben und er war mein Freund – ist ein besseres Bild als Der Schrei von Edvard Munch. „Meditate on that“, würde der alte Van Morrison empfehlen. Ich habe bis Ende des letzten Jahres weggeworfene Masken photographiert, viele hundert Aufnahmen. Masken im Schlamm, auf dem Pflaster, am Zaun, auf dem Gitter eines Abflusses, im Laub usw. Das hat mich beruhigt, mir über die Zeit geholfen. Keine Kunstaktion, Gott bewahre. Erst fehlten sie, dann lagen sie und liegen sie millionenfach auf der Erde. Wolken und Staub, oben und unten. Ich laufe weiter, suche mit meinen Augen und Ohren nach einer Vernunft. Es regnet nun. Es hat viel geregnet im letzten Jahr und regnet weiter in diesem. Die Welt geht nicht unter, wir nicht in ihr. Aber sie ist genauso erschöpft wie wir. Ausgezehrt, sagte eine Freundin, die ich lange nicht gesehen habe.


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