Was schmeckt und schmecken soll

Das Kind mag Spinat nicht zu sich nehmen oder den strengen Rosenkohl, würgt am Kotelett, spuckt den Bissen endlich heimlich aus. Leber schmeckt nicht jedem, andere lehnen als überzeugte Kartoffelesser ihr Leben lang Nudeln ab. Spät erst entdeckten die Leute hierzulande Sushi. Pferdegulasch ist weiterhin problematisch. Mit geistiger Kost verhält es sich ähnlich. Geschmack bildet sich an dem, was geboten wird. Vorbilder spielen hinein, soziale Rollen, Hierarchien, Images, Selbstentwürfe und Fremdansprüche. Man nennt das Bildung, ein unaufhörlicher Prozeß des Findens und Verlierens, der Zugehörigkeit und des Fremdseins.

Ehrlichkeit kann nicht schaden: Als Jugendlicher suchte ich eine Musik, mit der ich mich als Kenner profilieren konnte. Nur der Plastikpöbel hörte Abba. Ich suchte mich zu unterscheiden, ich wollte elitär sein, eben weil man mir beibrachte, daß es nicht in Ordnung sei, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Ich wollte mich jedoch überlegen fühlen, weil ich mich in Wahrheit schwach fühlte. Mit anderen meines Sinnens und Strebens bildeten wir Hörgemeinschaften. Unsere Bands, unsere Songs, unsere unsterblichen Gedanken zu Welt und Wirklichkeit. Kein Klub der toten Dichter, doch nach ähnlichen Notwendigkeiten entstanden und funktionierend.

Geschmack ist nicht nur, zu wissen, was ich selbst mag, sondern gleichzeitig abzuschätzen, was es bedeutet, dieses zu mögen und jenes zu meiden. Ermüdend ewig: die soziale Sortierung der Menschen nach allem, was sie denken, sagen, zeigen, tun. Mit gewinnendem Alter „gibt man zu“, die Elvis-Schnulzen zu mögen oder den einen oder anderen Abba-Song (nicht wirklich). Bob Dylan singt Frank Sinatra, ich schmachte Are You Lonesome Tonight. Wir sind Narren, und das macht uns vielleicht ein wenig sympathisch. Zappa konnte ich nie leiden, jedenfalls nicht seine Musik. Als Poster- oder Plakatgestalt überzeugte er restlos. Und die Bücher, die Autoren?

Derzeit keinerlei Vorlieben. Bekenntnisse fand ich einige Jahre lang interessant. Romane eher nicht. Gedichte leider selten. Theater gar nicht. Lieber Serien schauen, ganz gewöhnlich. True Detective, Vikings, Boss, House Of Cards, Mad Men, Treme und die skandinavischen Kriminalserien. Guter Geschmack für alle oder wenige? Die Frage stellt sich mir zum Glück nicht mehr. Ich bin ganz froh, daß ich nicht Weinkenner oder Zigarrenspezialist mit eigenem Humidor geworden bin. Doch nichts gegen solche Vorlieben. Hauptsache glücklich, zufrieden und ohne Minderwertigkeitsattacken. Hauptsache es schmeckt herzhaft und frisch, dieses eigene Leben inmitten von dermaßen vielen Dingen, die uns wollen.


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