Eine Debatte über die Ökonomisierung der Literatur und des Literaturbetriebs, angestoßen durch Norbert Niemanns Dankrede zur Verleihung des Carl-Amery-Preises. Niemanns Kerngedanke ist der, daß die Literatur als einstiger Hort der Freiheit und Widerständigkeit verschwinden wird, wenn der Terror der Ökonomie die Akteure vollständig beherrscht. Längst landeten die interessanten und anspruchsvollen Werke in den Nischen des Betriebs und würden zu einer Angelegenheit für Spezialisten, da ein breiteres Publikum nichts von ihnen erfahre. Einen Satz kann ich mir besonders gut merken: „Es wird geschrieben, was gekauft wird.“
Die Analyse spricht von der Kultur der Selbstoptimierung und Verwertbarkeit, dem vorauseilenden Gehorsam der literarischen Intelligenz, die offenbar nicht begriffen hat, was auf dem Spiel steht. Dabei könnte man lakonisch antworten: der eigene Job. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die mit einem Kulturgut handeln. Der Markt für ihre Produkte wird erforscht und beeinflußt. Nachfrage muß stimuliert werden, möglichst wirksam. Die Kritiker bilden die Warenprüfgruppe, geben Testberichte ab und fühlen sich als Verbraucherschützer. Wer als freier Autor überleben möchte, unterliegt diesen Mechanismen. Als die Kritiker noch nicht Verbraucherschützer waren, urteilten sie (angeblich) nach Maßgabe der „literarischen Qualität“, hoben den Daumen auch für sogenannte sperrige Werke, die dem Massengeschmack nicht entsprechen. Wer aber ist für den Massengeschmack verantwortlich, wie bildet der sich?
Der Massengeschmack ist eine Gemeinschaftsproduktion medialer Beeinflussung, lese ich sinngemäß bei Niemann. Die Menschen sprechen über das, was auftaucht und wichtig erscheint. Sie möchten mitreden und kaufen sich das, worüber geredet wird. Ich erinnere mich an die Schlagzeile „Alle lesen Knausgård“, und nun lese ich auch schon Karl Ove Knausgård. Es funktioniert. Es funktioniert aber nur, wenn die Multiplikatoren die Reizwörter kennen, auf die ich anspringe. So schwierig ist das wiederum nicht, denn sie (die Leute aus dem Betrieb) und ich (als Leser) teilen den Zeitraum, die Epochenproblematik, die großen Veränderungen und die Herausforderungen, die das Menschsein unter den Bedingungen des Jetzt stellt. Wir nehmen teil am bürgerlichen Selbstgespräch. Es dient der Verständigung darüber, wie wir leben sollen und können.
Solange es dem literarischen Betrieb gelingt, die wichtigen Themen unserer Existenz in Werken auftauchen zu lassen, geht hier gar nichts unter. Das literarische Niveau sinkt, diagnostiziert Niemann. Ja, so ist das. Später steigt es dann wieder. Lehre des Flusses. Früher (von der Gruppe 47 bis etwa 1990) orientierten sich die Verleger, Lektoren und Kritiker noch am literarischen Kanon und publizierten und favorisierten sogenannte hohe Literatur. Deren Verdrängung in Randbereiche betrauert Niemann, siehe oben. Sollte man dies nicht eher begrüßen? Was wäre denn gewonnen, wenn eine stattliche Lesermenge mit einem Mal diejenigen Werke liest, die der Bildungsbürger nur deshalb für sich reklamieren kann, weil die „Vielzuvielen“ sie nicht verstehen oder mögen?
Jede einzelne Sparte der Kunst läßt sich entsprechend den Interessen ihrer Liebhaber in Niveau- oder Anspruchszonen teilen, so daß sie sich die Ebenen zwar berühren, ihre Besucher sich aber nicht gegenseitig im Weg stehen. Wie die Stockwerke in einem Gebäude. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet müßte Niemann eher fragen, wie sich die großen bürgerlichen Verlagshäuser eigentlich ihren Anteil am Distinktionsgewinn erwirtschaften möchten, wenn sie so ganz offensichtlich das Gegenteil von dem tun, was sie tun müßten. Sie verlegen Fast Food für die sensationsgierige Masse, wollen aber als Feinschmecker gelten und gesehen werden? Die Kritiker als Testschmecker vergeben fünf Sterne für Imbißware? Und noch ein letzter Gedanke: Wer hat eigentlich wen verraten – die Autoren das Volk oder das Volk die Autoren? Ich denke, der Bürger möchte edel sein. Ganz reicht es nie.
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