Todesarten

Die Tage und Ereignisse zerren am Verstand. Die sogenannte große Politik hat sich in einem Konflikt verfangen, aus dem ein Krieg geworden ist. Ich meide die ersten Fernsehbilder wegen zu großer Aufgeregtheit. Das habe ich auch zu Beginn der C-Krise so gehalten. Von den Särgen in Bergamo und den Schreien in Wuhan habe ich Wochen später Kenntnis genommen. Möglicherweise instinktiv – oder wie nennt man ein Handeln oder Lassen, das kaum auf Überlegung beruht, sondern aus dem Körper oder einer anderen Lenkungsinstanz zu kommen scheint. Der Staub muß sich legen, der Nebel auflösen. Ich versuche an die Menschen zu denken, die gestorben sind – vorhin erschien eine Zahl – und noch sterben werden. Politik kann ein grausames Geschäft sein. Macht ist etwas für die Getriebenen und die Ahnungslosen, sie macht Menschen böse oder verführt sie zu Schandtaten. Wer sich ihr zugesellt, benötigt Nerven aus Stahl und die Integrität eines Beichtvaters. Jahr des Tigers. Mögen Ukrainer und Russen dermaleinst zueinander finden auf anderer Grundlage als der des Habenwollens und Nichtgönnens, nämlich der einer guten und befruchtenden Nachbarschaft. Doch ich träume wachen Verstandes. Einstweilen scheinen nur die Waffen zu sprechen, und Rußlands Staatschef hat entschieden, daß die Ukraine sein Faustpfand wird zu neuerlichen Verhandlungen mit der Nato über die Grenzen von deren Ausdehnung.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Todesarten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert