Gestern erwähnte ich Fernsehserien. Sicher werde ich davon nicht satt. Vorgespielt werden Wirklichkeiten zugespitzter Dringlichkeit. Was das Leben ebenfalls ausmacht, die Zwischenräume, die Wartezeiten, das handlungsarme Existieren, findet dort nicht statt oder wird jäh gestört, unterbrochen, in Frage gestellt. Dramatische Bedeutsamkeit ist vorausgesetzt, Entscheidendes geschieht. Anders als im Leben derer, die sich das ansehen und aus dem Gezeigten, das als Modell möglichen Handelns dient, lernen. Als Zuschauer, die wir Zeugen des aufgebotenen Geschehens sind, können wir nicht anders: Wir sind dazu verurteilt zu lernen, sind entsprechend „programmiert“ (konzipiert, angelegt). Noch die hinterletzte Unterhaltungsserie dient dem Zuschauer dazu, sich zu orientieren. Allein deshalb sind wir neugierig: damit uns nichts Entscheidendes entgeht.
Ich selbst versuche zu entscheiden, was für mich entscheidend ist. Und weiß es nicht wirklich. Ich wähle Serien danach aus, ob die Existenzfragen, die verhandelt werden, etwas mit mir zu tun haben. Ob die Welten, die gezeigt werden, in mir etwas auslösen. Ich suche in mir nach Resonanz. Denn ich muß mein Leben leben und nicht das eines anderen. Deshalb muß ich für mich lernen und nicht für andere. Die tun schon das Ihre, dessen bin ich gewiß.
Die Serie beginnt mit Staffel 1, Episode 1. Mir begegnen bestimmte Menschen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Ich achte darauf, wie erzählt wird. Kann ich dem Erzähler trauen? Weiß er etwas oder ist er dümmlich? Muß ich wieder einmal ironisch schauen? (Nun gut, zur Not erneut ironisch. Man gibt alles, wenn es am Ende zu lohnen scheint.) Was und wie sieht das Auge? Das ist die Kamera. Anhand einer einzigen, nun gut: dreier Einstellungen läßt sich erkennen, ob die Wahrnehmung des Erzählers interessant ist. Ob er überhaupt etwas sieht, ihm etwas auffällt, er erkennt.
Wahrnehmung ist die Grundlage allen Erzählens und Behauptens und Vertretens. Die ersten Episoden sagen mir, was gesehen, verstanden und gezeigt werden soll und kann. Oft sind die Sujets angestaubt: etablierte Anwaltskanzlei in Nöten, abgehalfterter Cop auf letzter Bewährung, idealistischer Freiwilliger auf Bruchlandung in realistischer Welt, Familie kurz vor dem Zusammenbruch, Teenager wird älter und lernt sich ändern, Mensch (jung/alt) erfährt, daß er sterben wird, Künstler in Schaffenskrise, Durchschnittsmensch entdeckt sein Talent. Die Sujets sind aber gar nicht angestaubt, sondern ewig. Deshalb reagieren wir so stark darauf. Es sind die Themen des Lebens: Geburt, Kindheit, Wachstum, Ausprägung/Entwicklung, Prägung/ Erziehung, Wege/Entscheidungen/Orte, Begegnungen/Beziehungen, Prüfungen/Bewährungen, Abschiede/Verluste, Berufe/Begeisterungen, Wissen/Wollen, Leiden/Leidenschaften, Themen/Tabus, am Ende ein passender Tod.
Ich werde niemals ein Cop werden, nicht in fernen Kriegen kämpfen, nicht am OP-Tisch die sichere Hand führen, im Gerichtssaal ein Plädoyer halten. All das nicht. Dennoch sehen und verstehen und sogar urteilen – das ist allerhand. Wir beurteilen die Modellwelt, die uns vorgeführt wird. Nicht darauf hin, ob sie stimmt, sondern ob sie stimmig ist. Unser Urteil verrät uns, wer wir sind. Genau das war gemeint, als es früher einmal hieß: „Sage mir, was du liest, und ich sage dir, was du bist.“ (Pierre de La Gorçe zugeschrieben) Dies alles hier ist nur Skizze und verdankt sich abendlicher Langeweile, aber es ist doch bemerkenswert, wie viele Voraussetzungen erfüllt zu sein scheinen, wenn wir Folgen einer Serie mögen und schauen. Denn Serie – das bedeutet: weiter und weiter mit jenen Leuten, hinaus oder hinein, auf Teufel komm raus. Jene Leute, denen wir zuschauen, indem wir ihnen zeitlich folgen, sind Freunde oder Feinde. Doch sie leben einzig für uns. Das hat etwas sehr Rührendes.
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