Der Gesang der Rollkoffer

Zwischen Ein- und Auspacken der lange Weg durchs Land. Gepäckraumaufbewahrung oder stehend neben einem Sitzplatz, in einem Bus oder einer Bahn oder einem Flugzeug. Die Bewährung auf Pflaster, Asphalt, Beton, Kies, Fliesen, Laminat, Teppichboden. Rolling home, meistens laut. Besonders laut auf geriffelten Gehwegplatten, die geriffelt sind, damit die Füße spüren, daß zwei Schritte weiter Gefahr droht: einer einfahrenden Straßenbahn, eines Zuges, einer Stufe, eines Abgrunds, eines Sturzes. Dann knattern und rattern sie wie die Plastikmaschinengewehre für die kleinen Nachwuchsschützen unserer friedliebenden Länder. Kolonnen, Kohorten, Karawanen, Verbände, Trupps ziehen zum Gesang der Rollkoffer über die bekannten Verbindungspfade den Positionen entgegen, werden verladen oder sind entladen worden.

Melancholische Paare ziehen heimwärts aus dem anstrengenden Wochenende mit dem Besuch daheim und ziehen einen oder zwei hinter sich her, vorbei an den Cafés und den Leuten, die sehen und hören, was passiert ist. Das passiert jedem. Müde Heimkehrer, und demnächst Montag. Der Auszug gestaltet sich etwas schwungvoller. Ein Mensch, ein Koffer, eine Linie, ein Ziel: der Verladestation entgegen. Man will wohin. Wieder mal zu spät, schnelle Schritte, große Eile, dazu passend der Gesang, der hinterherläuft und trotzdem überholt, folgend dem großen Gesetz des Schalls. Etwas Kriegerisches haftet dem an. Im Einsatz kümmert sich niemand mehr um schwache Nerven. Der Wille diktiert, das Ziel ist klar definiert: ein Ort, eine Uhrzeit. Wer zu spät kommt, scheidet aus. Kaum jemand trägt sein Gepäck, das fällt auf. Rucksäcke tragen nur die ganz Jungen, Leute im Rucksackalter, Leute für Interrailtouren und die Spanische Treppe in Rom.

Der Gesang der Rollkoffer gehört zur großen Instrumentierung unserer Zeit, die Mobilität erlaubt und verlangt. Später einmal, in hundert Jahren etwa, wird man sich kaputtlachen über den Anblick der gepäckziehenden Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Sei es, daß professionelle Gepäckträger den Lastentransport übernommen haben, sei es, daß es Gepäck kaum mehr gibt, da jeder Reisende überall vorfindet, was benötigt wird. Wozu etwas hinter sich her ziehen, das bereits am Zielort liegt: das passende Hemd, das zweite Paar Schuhe, der Golfschläger, ein Schreibetui, der Toilettenbeutel. Der Gesang der Rollkoffer würde fast verstummen, wenn die Hersteller „Flüsterreifen“ aus Gummi benutzten. Das wäre allerdings schade.


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