Samstag. Mitte. Alles nur Karaoke

Gestern war es kühl und ich unterwegs und geriet in eine phantastisch nihilistische Stimmung, in die man leicht verfallen kann in Berlin Mitte an einem Samstagabend, wenn die Stadt so leer ist, daß jeder einzelne Tourist und jede schmutzige Stadttaube eine persönliche Begrüßung verdient. Was ist denn bloß los mit mir, grübelte ich, während es wieder anfing zu tröpfeln und die Hochhäuser der Fischerinsel um mich standen wie gar nicht vorhanden. Ich denke dort wiederkehrend an Rentner und Miami Beach. Die Autos und Busse fuhren noch, die Welt war also noch nicht abgestellt. Ich betrachtete die Büroarbeitsplätze von außen und studierte die Firmenschilder und stellte mir vor, mit welcher Unlust, mit welchem Widerwillen sie am Montag ihre häßlichen Arbeitsplätze einnehmen müssen, weil man sie eingestellt und an jenen Schreibtisch abkommandiert hat. Nur ein Leben. Dazu dieser idiotische Druck, diese Anspannung, unter der die meisten stehen: bloß alles richtig zu machen, nicht zu versagen, die Geschäfte in Schwung und sich selbst in Form zu halten. Wozu? Zu allem Überfluß noch die Namen der Geschäfte, Boutiquen und Cafés. Lustig, modern, gekünstelt, kitzelnd, „augenzwinkernd“, „frech“. Wir sollten alle schwul werden, auch die Frauen, dachte ich augenzwinkernd vor einem Friseursalon mit vielen süßen und bonbonbunten Teddybären im Schaufenster. Rechtzeitig stand ein ebenfalls süßer Berliner Bär vor dem Eingang eines repräsentativen Gebäudes, in dem die beiden Mafiabosse von Berlin-Cölln residieren. Ich hielt mein Ohr an seine Schnauze, doch er blieb stumm. Vermutlich haben sie ihn ausgestopft und er ist tot. Das versetzte mich in üble Traurigkeit und ich schritt schneller aus. Einmal im Leben in einem echten Townhouse leben und aufs Auswärtige Amt blicken, tagaus tagein, zusehen, wie die Tore und Schranken und Gitter und Poller und Lichtschranken und Kameras und Bediensteten in Uniform funktionieren. Plötzlich das Betonschloß. Alter Schwede. Jetzt benötigen wir nur noch einen König, zur Not einen Kaiser, und bald steht auch die Bauakademie wieder. Preußen war nicht so schlecht, die konnten auch gut marschieren. Zuvor hatten mich zwei japanische Touristen, beide sehr freundlich, kluge Leute, nach Checkpoint Charlie gefragt. Sie standen unmittelbar davor. Wir lachten sehr. Den Wald vor Bäumen. Die Museumsinsel mag ich ehrlichen Herzens. Ein Mann saß auf einem kleinen Schemel und spielte eine Gitarre wie Pat Metheny auf One Quiet Night. Ich stellte mich an die Balustrade und betrachtete die riesigen Seifenblasen, die einer zur Attraktion der Besucher in den Wind blies. Die Blasen wurden viel gefilmt und photographiert. Unten auf der Spree fuhr die vollbesetzte Heiterkeit unter der Friedrichsbrücke durch und verschwand. Fort ist sie, dachte ich und hätte weinen mögen, so schön war die Musik und zum Schreien der Augenblick. Ich folgte den Kolonnaden und sah einer Volkstanzgruppe beim Vierpaartanz zu. Ihre Rucksäcke standen aufgereiht, aus einem Ghettoblaster kam die Musik. Sie sahen frisch und gesund aus und freuten sich alle. Typisch Deutschland, dachte ich, überall singen und tanzen sie, es ist eine Wonne. Das Neue Museum ist nun auch schön. Am Deutschen Historischen Museum mußte ich lachen. Der Erweiterungsbau von Ieoh Ming Pei ist so bieder modern, genau das Richtige für die intellektuelle Schickeria und einen zünftigen Stehempfang mit Käsehäppchen an Kaviar und die launige Rede irgendeines Kulturbonzen, den man kennen muß. Ich dachte schnell an einen schönen Menschen, das gelang für ein Stück des Wegs durch den Lustgarten, reichte noch bis Unter den Linden, dann schob sich die Traurigkeit erneut wie ein schwerer Riegel durch meinen Leib. Was würde ich in ein paar Minuten sagen? Gendarmenmarkt: kurzer achtloser Gruß für den glatthäutigen Schiller von Begas. Mir fielen dann doch ein paar Sätze ein und am Ende landeten wir alle in einer Karaokebar und ich sang Proud Mary.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Samstag. Mitte. Alles nur Karaoke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert