Spucknapf und Gerechtigkeit

Nun zu den Männern. Ich bin zurück und kann berichten. Einer stand im Eingang eines Hauses und hustete. Er hustete und zog hoch und spuckte aus. Wir warteten gemeinsam auf den Nachtbus, er in seinem Hauseingang, ich auf dem angeseilten Gartenstuhl des Freisitzes (Ostwort für Außenbestuhlung) einer Pommesbude, und wir gerieten dadurch in eine Art Beziehung. Er hustete, zog hoch und spuckte aus, unaufhörlich, zehn lange Warteminuten lang. Flatsch, batsch, klatsch – ich weiß nicht, wie ich lautmalerisch aufzeichnen kann, worin unsere Geräuschbeziehung bestand. Aus Protest zog ich ebenfalls hörbar hoch, um ihm zu signalisieren, daß es Zeugen seines zähen Würgens gäbe. Umsonst. Er machte unverdrossen weiter, verließ sogar den schützenden Eingang und stand für eine gute Minute am Haltestellenschild und würgte und spuckte weiter. Der dreißigste oder vierzigste Flatschen klatschte aufs Pflaster. Dieser baumlange Mensch im roten Strampelanzug war ein Geysir mit kurzen dunklen Haaren und dem Gesicht eines Straßenjungen, bestenfalls vierundzwanzig Jahre alt, offenbar nach dem Besuch eines Lokals auf dem Heimweg. Er trug noch Arbeitskleidung, auf dem Latz die Beschriftung, die Wortmarke einer Gebäudereinigung. Im Nachtbus lief er weit nach hinten, ich setzte mich auf die letzte Bank, nur um zu beobachten, was mit seinem Spuckreiz geschehen würde. Es geschah aber gar nichts, der Reiz war verschwunden oder nicht mehr reizend genug, jedenfalls saß er brav und gerade auf seinem Sitz und stieg später ohne zu torkeln aus. Vielleicht ein nervöser Tick, dachte ich noch. Viele spritzen ja Körpersäfte aus dem Mund, am liebsten im Sitzen auf Bänken im sogenannten öffentlichen Raum. Ich kenne die Stellen, ich kenne die Flecken, ich kenne die Leute. Herzensgute Leute, aber sie rotzen auf alles komm raus. Poesie des Alltags, Kommentare zum Zeitgeschehen, die ganze Welt ein Spucknapf, eine Senkgrube schlechten Geschmacks. Ein Gruß von und an Henry Miller, von Brooklyn nach Neukölln/Wedding und zurück, die Mischpoke versteht sich, scheiß auf die paar Jahre. Ein anderer Mann kam mit seiner Freundin und seinem Kumpel und dessen Braut in den Nachtbus und dachte, der Nachtbus sei hocherfreut, derart lustige Leute wie ihn und seine drei Lustgesellen nachts noch zu erleben, um 3 Uhr 12 auf Höhe der chinesischen Botschaft oder kurz danach. Seine Herzdame ließ die Füße baumeln zur mitgebrachten und aufgedrehten Musik und tippte gelangweilt auf ihrem Smartphone herum, er griff sich wieder und wieder nervös an den Schirm seiner dämlichen Schirmmütze mit dem Aufdruck irgendeiner risikolos anerkannten Marke, sein Kumpel führte sein Becken im Stehen vor und zurück, im Rhythmus der eigens mitgebrachten Musik (häßlicher Sound aus den Löchern eines dieser wunderteuren Geräte), die zweite Lady schnarchte derweil und bewies auf diese schützenswerte Weise Einsicht. Ein anderer stieg auf den Sitz der Gruppe, als die den Bus verlassen hatte, und schwang seinen Körper hin und her, hielt sich an den Haltestangen fest und gab sich dem Groove hin, verdrehte die Augen, wirkte verwirrt und wurde hektisch ein jedes Mal, wenn der Bus erneut hielt. Es war nicht Alkohol, etwas anderes brauste dämonisch durch seinen Organismus und hielt ihn auf Trab. Der Busfahrer war entspannt, denn was bleibt einem übrig des Nachts, wenn man all die schönen und unschönen Idioten nach Hause fährt und jedesmal sonstwas passiert. Die Männer sind nachts verhaltensauffälliger als die Frauen, dachte ich. Ich überlegte auch, ob die männliche Verzweiflung eine andere sei als die der Frauen, verwarf dann aber solche Überlegungen. Am Ende blieb eine Art Dankbarkeit, daß wir nachts noch gefahren werden, wenn die anständigen Leute doch schon lange im Bett liegen und schlafen. Die Nacht macht kindlich, auch im Denken. Zuvor hatte ich mit einem Mann gesprochen, der Frauenrechte vertrat. Ich überlegte, während er sprach, warum er das tut. Gerechtigkeit.


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