Land Stadt Flucht

Hier gibt es derart viele Typen, über die ich schreiben müßte, daß ich vorerst noch verzage. Das kann sich ändern. Nicht umsonst lebe ich inmitten der großen Stadt in einer Art Dorf. Das nennt sich Kiez. Nachbarschaftsverhältnisse, man kennt sich (ein wenig). Wer jemals glaubte, daß die Menschen sich im wesentlichen ähnlich sind, findet hier Bestätigung und Widerspruch. Menschen müssen essen, trinken, schlafen. Doch wie sie tun, was sie tun, nennt sich Kultur und kennzeichnet bemerkenswerte Unterschiede. Ich kenne die meisten Milieus meiner Bekannten, habe vielleicht eine ungefähre Vorstellung. Nur bei meinen engsten Freunden kenne ich die Familie und gerate in die Nähe einer Ahnung, was sie antreibt oder fliehen macht. Geschichtsdaten und Orte helfen. Manche Familien sind vertrieben worden von dort, wo sie einstmals lebten, andere blieben bemerkenswert ortsfest. Mir ist, als ließe sich das erkennen: das Nervöse der Geflohenen, noch in der zweiten oder dritten Generation. Sich illegitim fühlen wider alle aufklärende Vernunft. Andererseits: wer ist hier schon alteinsässig? In dem Dorf, aus dem ich stamme, sind es die meisten. Hier sind es die wenigsten. Das bezeichnet die Lage. Deshalb arbeitet und gärt es hier anders, deshalb entstehen hier andere Ideen als draußen auf dem sogenannten flachen Land. Die Ideen von dort draußen mit denen hier drinnen bekannt zu machen, finde ich reizvoll. Es geschieht in mir jederzeit. Ich bin ein Dörfler in der Stadt. Man muß sich doch nicht fürchten, sollte sich nicht meiden. Ich bin gern in Brandenburg, das hier in Verruf zu sein scheint. Let Us Compare Mythologies hieß Leonard Cohens erster Gedichtband.


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