Es ist viele Jahre her – dreizehn Jahre, vielleicht vierzehn oder sechzehn – da erschrak ich in Paris im V. Arrondissement, denn da lagen entlang der Universitätsgebäude auf den Lüftungsschächten, aber auch auf Verkehrsinseln, Menschen im Schlafsack, während die Passanten vorüberspazierten, am frühen Abend nach Einbruch der Dunkelheit. Ist das hier normal? fragte ich. Aus Berlin wußte ich, daß vereinzelt Leute auf Parkbänken schliefen, vereinzelt auch im Eingangsbereich der U-Bahn- und S-Bahnstationen Wetterschutz suchten. Nun stehen die Zelte überall, liegen Matratzen herum, hat sich die Zahl der Obdachlosen dramatisch erhöht. Überall wird gezeltet: vor dem Kaufhaus, am Friedhofszaun, entlang des Landwehrkanals, entlang der S-Bahnstrecken, in den Gebüschen und in den Senken, unter Brücken, auf Supermarktparkplätzen, am Rande der Tankstellen. Die Passanten spazieren vorüber. Die Kinder fragen ihre Eltern, warum da wer liegt und kein Bett hat. Was antworten die Eltern? Sie werden sagen, daß es Menschen gibt, die sehr-sehr arm sind, so daß sie sich keine Wohnung leisten können und deshalb auf der Straße leben müssen. So erkennt das Kind, daß es böse zugehen kann auf Erden und daß es selbst Glück gehabt hat, bisher. Die Armen und Bedürftigen und Kaputten dort liegen und sitzen zu lassen, ohne etwas tun zu können oder zu wollen, kennzeichnet die große Stadt, die Metropole. Der Gott der Stadt (Georg Heym) thront mitleidlos über allem, und die Barmherzigkeit der Wenigen lindert nur manchmal ein wenig den Schmerz der Bedürftigen.
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