Einige seltene Male war ich zu Gast in Tischgebetsfamilien. Da saßen sie zusammen am Eßtisch und hatten die Mahlzeit bereits auf dem Teller, doch statt zuzugreifen und reinzuhauen, wurde erst noch ein Gebet gesprochen. Retardierendes Moment eines unstillbaren Hungers. Danach schmeckte es umso besser. Da das Gebet jedoch zur Gewohnheit geworden war und halb rituell, halb achtlos ausgeführt wurde, geriet ich ins Nachdenken. Denn ich erkannte das Gute und Echte daran, aber zugleich das Aufgesetzte, das Behauptete: den Willen zur tradierten Form und die Hoffnung, über die Form an den eigentlichen Inhalt zu gelangen: die echte Dankbarkeit. Rituale verschleißen durch Gebrauch, schließlich verenden sie als Konvention. Das bedeutet nicht, daß es besser ist, eßpraktisch sofort loszulegen und hineinzuschlingen, was vor einem liegt, nur weil niemand mehr etwas zu sagen sich getraut, bevor das durchaus Notwendige geschieht. Über solche Dinge (Verhaltensweisen und -zusammenhänge) denke ich gern nach, denn sie lassen sich gestalten.
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