Endlich was los in Hameln

Die angeblich im Jahr 1284 vom Rattenfänger aus der Stadt geführten Kinder sind zurück. Das verspricht und versucht zu zeigen eine TV-Serie, benannt nach der Stadt Hameln, meiner Heimatstadt gewissermaßen (denn ich wuchs auf dem Land auf, nicht weit von dort). Die Kinder sind zurück und erscheinen des Nachts als Wiedergänger, es kommt zu unerklärlichen Todesfällen. Die Wiedergänger sprechen Plattdeutsch (Mittelniederdeutsch), das verstärkt den Horroreffekt. Keine schlechte Idee für eine Serie: mit Les Revenants (2012) existiert ein starke Vorlage solcher Alptraumphantasien. Doch der Horror will nicht zünden in Hameln: die Figuren, die die Lebenden darzustellen bemüht werden, geraten gar nicht erst ins Leben, und das hat Gründe. Sie können nicht leben, da sie etwas repräsentieren sollen. Eine jede Figur trägt (angeblich unsichtbar) ein Schild um den Hals, auf dem geschrieben steht, was sie sein soll. Die Schönheit, Wahrheit und Würde eines Menschen läßt sich aber nicht reduzieren auf bloßes Repräsentantentum, also ein Vorgeführtwerdenkönnen auf welcher Bühne auch immer. Mir gefallen immerhin die Luftbildaufnahmen der Stadt bei Nacht, den Drohnenkameras sei Dank, ebenso wie die Idee, daß in Hameln einmal was los sein kann. Zuletzt nahm die Welt Kenntnis von Hameln, als ein eifersüchtiger Mann seine Frau hinter das Auto band und sie durch die Straßen schleifte. Sie überlebte. Daß es in der Stadt spukt, möchte ich nicht ausschließen. Ich war vor kurzem dort, Nebel lag in den Straßen, es war unheimlich sogar am Samstagabend. Kaum jemand unterwegs, nur ein paar wohlgenährte Restaurantbesucher. Die Jungen fehlen, das Leben fehlt, der Lärm fehlt. Eine Stadt für Senioren und Touristen. Die Weser rauschte über das Wehr, als könne sie immer noch alles fortnehmen.


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