Nur im äußersten Notfall Gedichte

Untergrundbahn, stehend oder im Sitzen, Station nach Station, die Einfahrt, das Halten, die Ausfahrt. Türen auf, Leute hinaus, andere hinein, Türen zu. Menschen auf engstem Raum. Körper, Gesichter, Gerüche, Stimmen, Verhaltensweisen, Schwingungen. Wohin mit den eigenen Augen? Abzählen und inneres Aufsagen der noch ausstehenden Stationen (etwas zu tun haben). Dechiffrierung der Anzeigen diverser Bildungsträger. So heißen Institutionen, die Bildung, Fortbildung, Ausbildung, Weiterbildung anbieten, dafür öffentliche Gelder kassieren und annoncieren, damit auch wer kommt und die Räume füllt, die für die Kurse gebucht wurden. Jeder Teilnehmer ist Teil einer Maßnahme. So nennen sich die Aktionen der Ämter, um Menschen dazu zu bewegen, daß sie ihre Situation verbessern, jedenfalls verändern, da sie unverändert verharrend Kosten verursachen. Die Anzeigen kleben als Banner über den Fenstern der Waggons, die zur Abwehr von Sprayern und Kratzern mit einer Folie beklebt sind, die ein kindisch stilisiertes Brandenburger Tor in alle vier Himmelsrichtungen kippt. Man darf über solche ästhetischen Entscheidungen der Berliner Verkehrsbetriebe nicht zu lange nachdenken, sonst wird man verrückt. Alle Fenster ruinieren, damit nicht einige beschmiert werden? Alle Sitzbänke mit einem Kunststoffbezug versehen, der an Heringssalat oder anderes Erbrochenes (mit Rote Beete) erinnert, nur damit nicht der eine oder andere Sitz beschmiert wird? Wer hat diese psychopathologisch signifikante Punkt- und Fleckenverteilung entworfen, in die engere Wahl genommen und schließlich abgenickt? Es wird doch Verantwortliche geben. Deren Logik: Alles scheiße aussehen lassen, damit nicht manches scheiße aussieht. Das kommt Hitlers Nero-Befehl gleich, um wenigstens einmal in meinem Leben mit solcher Rhetorik auftrumpfen zu können. Zerstört Sitze und Fensterscheiben selbst, bevor sie zerstört werden können! Keinen Fußbreit dem Feind! Vorauseilende Zerstörung, kluge Antizipation seiner Aktionen. Das tun, was er tut – nur daß er es nicht mehr tun kann, da man es selbst bereits getan hat. Spielverderberfreude auskostend. Für mich gilt: Lieber nach unten schauen und Schuhe studieren. Interessante Exemplare. Oder doch ein Buch aus der Tasche ziehen und ernsthaft lesen. Aber was? Antwort: Lyrik. Erkläre ich demnächst.


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