Ich habe mich noch einmal in das Stromlinienbaby vertieft. Schlechtes Gewissen, Tom Wolfe Unrecht zu tun. So ergeht es mir manchmal. Erst schreibe ich Sätze, dann bereue ich sie. Ich möchte nicht verletzen, aber auch nicht Unwahres oder Schmeichelhaftes von mir geben. Es ist wie es ist. Ohne Zweifel ist Tom Wolfe ein alter Südstaaten-Snob, und noch immer hechelt er den Neuigkeiten und Trends hinterher, zuletzt in Back to Blood, 768 Seiten, Blessing 2012. Ich lese wieder im Stromlinienbaby, den Reportagen der Jahre 1963-65, und ich sehe ihn vor mir, wie er sich an die Stars und Sternchen heranwirft, überall herumkurvt auf der Suche nach neuen Klatschgeschichten, die er dann mit seinem New Journalism aufmotzt, damit sie authentisch und ‚live‘ oder cool-blasiert und informiert klingen. Cary Grant und Greta Garbo, Cassius Clay, Baby Jane Holzer und die Rolling Stones, die Park Avenue rauf und runter, links rein, rechts rein. Fahrstühle, Foyers, Schminkräume, Garderoben, Treppenhäuser, Flure, Toiletten, Hintereingänge, Parkplätze, Tresen, Ecktische, Taxikabinen, Parkbänke, Eisstände – der Reporter ist dabei und schreibt mit. Er ist sehr begabt, er kennt alles und jeden. Er ist so überaus informiert, daß es aus ihm herausplatzt, wenn er schreibt. Er ist geschwätzig wie eine Elster und giftig wie eine Viper. Er spricht tausend Idiome und hat große Ohren, die bereits etwas hören, wenn der andere es lediglich denkt. Dieser damals dreißigjährige Journalist neuen Typs, subjektiv und literarisch, die Fakten großzügig auslegend, eigene Gedanken nicht aussparend, aber stets die Storyline im Kopf, ist sehr aufgeregt, denn das Leben in New York ist aufregend. Alles vibriert, er vibriert mit. Eine neue Wirklichkeit schlüpft aus der alten: die alles beeinflussende, vieles verändernde Pop-Kultur hält bunten Einzug ins Gesellschaftsgefüge der damals größten und wichtigsten Stadt der Welt. Wolfe ist Chronist, findet nichts unwichtig genug, notiert die Namen aller Anwesenden auf der Party, notiert, was sie trinken, sagen, sind. Erst mit vierzig beginnt er seinen ersten Roman, widmet sich dem dem New York der Broker, Anwälte und Journalisten zur Zeit der Reagan-Ära und erntet neuen Ruhm. Um Anerkennung und Ruhm ging es all die Jahre und Jahrzehnte dieses Schreiberlebens. Wolfe will eine Figur sein, eine Institution, eine Legende. Er legt sich Markenzeichen zu und entwickelt Ticks, er tut alles, damit ihn niemand vergißt. Das ist ihm gelungen. Ich habe mir eine Menge gemerkt, zum Beispiel jenen Satz aus einem Interview mit dem Spiegel vor vielen Jahren. Nach seinen Krawatten befragt, äußerte er sein Erstaunen, ja Mißfallen darüber, daß erwachsene Männer es wagten, ohne eine solche aus dem Hause zu gehen. Der Hals eines Mannes sei ab dreißig nun wirklich nicht mehr präsentabel, befand er. Möge dieser Schelm noch ein paar angenehme Jährchen leben.
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