ποίησις

Dieser Traum, daß ich meine Zeilen nicht mit roter Tinte, sondern Blut schreibe. Er wurde mir berichtet, ich war betreten und erleichtert, beides zugleich.

Vielleicht schreibe ich auf diesen Seiten zu moderat, ich bin mir nicht sicher. Es hängt mit dem Kaffeehauscharakter der Texte und Tage zusammen. In einem gastlichen Raum sollten gewisse Rücksichten genommen werden. Ich bin hier Wirt und verantwortlicher Alleinunterhalter.

Moderne Poesie nimmt wenig Rücksicht, eigentlich keine. Nur bezweifle ich, daß wir (noch) in einer Zeit moderner Poesie und Kunst leben. Sie enthielt Anklage und Vorwurf, ein schöpferisches Ich warf sich gegen alle Übermacht in die Arena und führte dramatisch seinen Lebens-, seinen Todestanz auf. Die Avantgarden und Stilrichtungen wechselten, doch das Thema blieb: Kampf des Ich um Selbstbehauptung in entfremdeter Welt. (Sofern diese Selbstbehauptung Kampf war und nicht symbolisches Gefuchtel.)

Man kann einen sehr kalten Blick auf die romantischen und jugendbewegten Initiativen zur Rettung des Lebendigen werfen. Es hängt von der eigenen Lebendigkeit ab. Leben ist warm und euphorisch und schlägt sich eine Bresche. Leben will schreien und flüstern, anstecken, mitreißen und aufregend sein. Leben negiert das Nichts.

Wie es um die Selbstbehauptung des Ich in entfremdeter Welt steht, mag sich jeder dort ansehen, wo er möchte. Ich frage mich nur, welche Literatur das mittlerweile (seit mindestens vierzig Jahren) abgeben soll. Ich warte auf den Klang des Jetzt. Ich lausche in die Richtungen, ich höre nichts. Ich stoße auf Versteinerungen, leere Gesten, Kalkulationen, Rezept und Routine, Zitat Ironie Intertextualität, Selbstreferentialität, Poesie zur Theorie, sexuellen Biedersinn, Gewaltparodien, historische Romane in voller Leibesfülle, Betroffenheits- und Anteilnahmeliteratur aus den Unrechtszonen und -winkeln der politisch-sozialen Welt (das Buch zur Krisenregion), Blog-Romane und weiteres aus der Technikspielzeugecke.

Noch einmal Totalitarismus-Kritik? Lieber Kapitalismus-Kritik? Vielleicht etwas Frisches und Freches aus den Metropolen? Oder China heute und morgen? Syrien geht gut, die Verlage sind bereit. Afghanistan bleibt, brandaktuell. Gender? Ein veganer Krimi aus Helsinki? Fantasy und mögliche Welten? Autobiographie eines Hundes (gab es schon 1925: Michail Bulgakow, Das hündische Herz), Bekenntnisse eines Marathonläufers, Aus dem Leben einer Drohne, Wie ich fast Terrorist wurde, Die fünfte Kammer des Herzens, Mein geliebtes Hasenbrot, Haßprediger der Freiheit, Ich bin der Schwarze Mann.

Und die Poesie? Ich denke seit etwa zwanzig Jahren darüber nach, wie sie klingen müßte. Das ist ein Witz. Das ist kein Witz. Beides zugleich. Die Poesie befindet sich in einer paradoxen Situation. Sie muß sich auf sich selbst verlassen und kann es nicht. Wer heutzutage etwas auf Tasche hat und veröffentlicht, weiß das ganz genau. Wir stehen im Windkanal und reden über Strömungen. Einige schreiben das Buch zur anschließenden Verfilmung. Seit es den Film gibt, muß man literarisch nicht so tun, als gäbe es ihn nicht. Es hat die Malerei irgendwann auch begriffen, daß es Photographie gibt. Was sind Szenen? Was bedeuten Charakter, Figur, Illusion, Realismus, Raum, Zeit, Motiv, Schicksal, Zufall, Bedeutung, Wahrheit?

Weil ich das alles nicht weiß, fühle ich mich wie ein poetischer Pamphletist. Das ist einer, denke ich, der den Zweifeln bis an ihr Ende folgt und sich dann umdreht und spricht. Jemand, stelle ich mir vor, bei dem Gefühl und Gedanke miteinander tanzen wie Fremdvertraute. Doch ist das Pamphlet Schmähschrift und Polemik zugleich. Ein Poet schmäht nicht, mag man denken, er feiert. Ich würde denken: Er versucht zu unterscheiden. Feier des Seins, Schmähung des Frevels. Das soll nicht schrecken, nur beunruhigen. Wir kommen hier nicht billig weg aus diesem Leben. Warmes Blut ist Leben, kaltes Blut ist Tod. Leben ist besser, aber die Wunde heilt schwer.


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