Schön wahr

Was bedeutet „poetisch“? Die Poesiealben, die wir als Schulkinder bekamen, um etwas Schönes hineinzuschreiben, geben Antwort: Gedichte und Sinnsprüche sind poetisch. Oder das Gemälde von Carl Spitzweg, Der arme Poet. Eines der Lieblingsbilder der Deutschen, ergab eine Umfrage. Eine Matratze auf dem Boden, kein Feuer im Ofen und ein Regenschirm über dem Schlaflager, weil es von der Decke tropft – poetisches Wohnen. Ein Poet kann nicht wohlhabend sein. Thomas Mann sitzt an seinem Schreibtisch wie ein Richter oder Ministerialdirektor. Schreibt ein Verliebter Liebesbriefe, geraten sie ihm poetisch. Poetisch ist das sanfte Licht der Dämmerungen. Poetisch ist romantisch, romantisch ist weich und zärtlich. Poetisch ist der verträumte Jüngling oder Rilkes Blick auf die Mädchen im Blumenkleid. Das Poetische lebt in einer Nebenkammer des Seins, in die man eintritt, um zu verschnaufen oder sich zu vergewissern, daß das Leben eigentlich schön ist. Ein Wellness-Bereich in Wort und Bild.

Das muß nicht so sein. Eine härtere Poesie ist denkbar, ohne deshalb plattlings beim sogenannten Realismus zu landen. Mit einem häßlichen Leben möchte allerdings niemand etwas zu tun haben – nicht einmal diejenigen, die kräftig dafür sorgen, daß es hier auf Erden nicht allzu schön zugeht. Doch zur Schönheit gehört Wahrheit, sonst ist sie nur Kitsch. Die Poesiealben mit Rechtschreibfehlern, Klebebildern und Kinderzeichnungen haben uns auf eine falsche Spur gesetzt. Poetisch ist der Sinn, der mehr erfaßt. Poesie ist Erkenntniskritik und die schönere Alternative zum Gefasel. Ich kann jede Wahrheit annehmen, wenn sie mir in einer Form dargeboten wird, die zeigt, daß jemand verstanden hat. Die Wörter enthalten mehr als puren Gebrauch.


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