Regentropfen

Daß es hier nicht tagelang regnet, niemals. Denn dies ist Berlin inmitten der brandenburgischen Sandsteppe mit Kiefernwäldern, so weit das Auge reicht. Hier beginnt der Osten oder hat bereits begonnen. Kontinentalklima. Im Sommer heiß, im Winter kalt. Diesmal nicht, und ich öffne das Fenster, um dem Regen zu lauschen, der uns selten erzählt. Tropfen klatschen auf den Asphalt. Jetzt hat einer die Plastikgießkanne getroffen, bong. Auf den Straßen standen die Pfützen, als ich vorhin draußen war. Wir Fußgänger umrundeten sie, die Autofahrer fuhren durch sie hindurch, und das spritzte schön. Eine Zeitlang versuchte ich ein wenig verbissen zu sein. Man zieht so ein bestimmtes Gesicht, wenn es regnet. Ein Sauwettergesicht. Dann machte mir die Sache plötzlich Spaß. Fast hätte ich hüpfend und tanzend den Boulevard Of Broken Dreams zurückgelegt. Solch gute Laune ist recht einfach zu erreichen, es sei denn, die Lage ist gerade äußerst beschissen. Dann klappt das, was ich hin und wieder zu praktizieren versuche, natürlich nicht.

Die Lebenskunstübung besteht darin, daß ich mich frage, ob ich auf die Stimmung, in der ich gerade stecke, angewiesen bin. Ob die Gefühle, die ich hege, dringend nötig sind. Kommt aus dem Innern ein Ja, akzeptiere ich und lasse sie machen, die anderen da in mir. Ich kenne die meisten von ihnen. Einige sind Jammerlappen, das muß man schon sagen. Andere teilen mit mir den Humor, mit denen kann ich besser. Doch auch die Lappen wollen bedacht und berücksichtigt werden, und so gibt jeder, was er hat, damit jemand unterwegs sein kann, der auf meinen Namen hört und so aussieht, wie ich auszusehen scheine, denn ich selbst (wer ist das) weiß natürlich nicht, wie ich aussehe.

Vorhin hat es geklappt. Ich war weder auf mein Sauwettergesicht noch auf die dazugehörige Stimmung angewiesen. Ich dachte an Berlin und die Steppe um uns herum und den Frühling und das Wachstum, und der Regen erschien mir gut und richtig zu sein, mein eigenes Leiden dagegen verschwindend gering. Ich litt ja nicht einmal, ich fürchtete nur, nasse Füße zu bekommen und mich erneut zu erkälten. Der Regen war der Regen, weder gut noch schlecht, vielleicht sogar eher gut als schlecht. Hin und wieder denke ich auch an die berühmte Lektion des Platzregens. Doch das war heute gar nicht nötig. Ich verstand von selbst und machte mit beim Nässefest.

Der Regen hat seine Geschichte erzählt.


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