Es drückte, sie waren panisch und wollten raus

The Doors, 29. August 1970, Isle of Wight, The End. Läßt man die Heldenverehrung fort, sieht man einen kaputten Mittzwanziger mit Vollbart und leeren Augen, die ängstlich nach innen sehen (auch dort nur laute, chaotische Leere), ein Opfer seines angeprangerten und vergötterten Lebensstils. Einen, der hinausgegangen ist und sich zu langweilen beginnt, weil die anderen Wirklichkeiten alles auslöschen, was gemeinhin zählt. Die Pforten der Wahrnehmung sind weit offen, doch es gibt nur eine Richtung durch sie hindurch. Eine Rückkehr an einen Ausgangspunkt, eine Heimatbasis, ist nach x Ausflügen nicht mehr möglich. Dort draußen aber kann man nicht sein, nicht auf Dauer. Das ist das Problem, nichts anderes. Der Rest ist Enttäuschung, Minderung. Ein ausgelöschter Mensch, ein Schatten, ein Gespenst. Er war einmal, selbst wenn er ist.

Vor einem zunächst verängstigten, in den alten Prüderien und Konventionen festhängenden Publikum zu spielen und die neue Freiheit nicht nur darzustellen, sondern zu sein – das ist das Eine, und es ist bereits zuviel. Wenige Monate später erneut vor diesem oder einem ähnlichen Publikum zu stehen, das sich nun seinerseits frei wähnt und einen Anführer, einen Herold, einen Gewährsmann eigenen Glücks sucht – das muß einen jeden ruinieren und deprimieren und an den Rand des Wahnsinns oder eines nahezu tödlichen Gelächters führen. (Es sei denn, man steigt aus. Jim Morrison hat das versucht.) Sie wollen einen Führer, einen Freund, ein Vorbild. Sie möchten sich selbst sehen in der Figur dieses Einen, dieses erleuchteten Menschen. Sie müssen klein bleiben und wollen zugleich groß werden. Solchen Leuten dient das Idol.

Die Kommentare unter der Aufzeichnung sind entsprechend: einer will sich einen Joint anzünden und auf Wiederholung des Clips (17 Minuten) drücken, ein anderer erkennt einen schrecklich aussehenden 26jährigen. Aber sehen die Sechsundzwanzigjährigen denn heute besser aus? Morrisons Eltern lebten bis vor etwa zehn Jahren, er starb lange vor ihnen, 1971 in Paris. Wer lebt richtig, wer lebt besser? Ein bürgerliches Leben schützt vor frühzeitigem Versterben, da es vernünftig ist, maßvoll und angemessen. Eine Kerze, die von beiden Enden her brannte, sagen sie über einen wie ihn, oder auch über sie, die Göttin der schmutzig-schönen Wahrheit eines riskanteren, intensiveren Lebens, das weder abwarten kann noch will: Janis Joplin. Auch sie entstieg der Saftpresse des Gleichförmigen und erkannte sich neu unter den Sternen eines alten und doch veränderten Himmels. Es zerschlug sie.

Was tun wir, all dies wissend? Die Kammer reinigen, sehr sorgfältig, sehr langsam. Es besteht keine Eile. Die Gäste werden kommen. Auch sie sind ohne Hast.


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