Mit uns Nachgeborenen verhält es sich wie mit jüngeren Geschwistern. Sie studieren die Vorfälle, analysieren die Schwachpunkte und vermeiden die Fehler. Sie weichen aus und besetzen ein anderes Feld. Die Protagonisten des Jugendprotests der sechziger und siebziger Jahre kamen darin um, tauchten ab oder paßten sich notgedrungen an. Sie hatten eine Bresche geschlagen, durch die buchstäblich alles strömte, was nicht festgeschnallt war oder anders bewegungsunfähig. Eine beispiellose Liberalisierung war losgetreten worden, die einzudämmen und zurückzudrängen die letzten fünfundzwanzig Jahre in Anspruch genommen hat. Von Jugendprotesten und Studentenrevolte sind wir derzeit weit entfernt, „das System“ wirkt intakt und stabil, muß aber Erschütterungen befürchten, die bis auf das Fundament gehen. Erlischt die Wohlstandsgarantie, schwindet die politische Zustimmung und mit ihr die Bereitschaft, Kompromisse hinzunehmen oder zu verteidigen. Auch deshalb macht die Griechenlandkrise nervös.
Was haben wir Nachgeborenen von den Vorkämpfern eines freien und selbstbestimmten Lebens gelernt? Erste Lektion: Die Revolution frißt (wie gewöhnlich) ihre Kinder. Zweite Lektion: Die ehemaligen Kämpfer verfallen in Selbstgefälligkeit und machen sich und ihr legendäres Tun zum Maßstab der Betrachtung aller Dinge. Mit einem Wort: sie verblöden. Drittens: Sie spielen dreißig Jahre später keine Rolle mehr. Die Jüngeren haben sie vergessen. Die Medien inszenieren keine 68er-Jubiläen mehr. Das Datum hat aufgehört, die wichtigste Zäsur der jüngeren Geschichte zu sein. Vierte Lektion: Das Erkämpfte wird nach und nach und solange relativiert und dekontextualisiert, bis die Spuren seiner Entstehung verwischt sind. Der Bio-Adel von heute, das neo-bürgerliche Milieu der Aufsteiger und smarten Gleiter, hat der Bewegung die Produkte abgekauft. Fünfte Lektion: Die Gegner (oder gar Feinde) der Bewegung sitzen fester im Sattel. Die Infektion des Gesellschaftsorganismus wirkte stabilisierend. Das Immunsystem des Patienten wurde nachhaltig gestärkt. Sechste Lektion: Gefahr droht dem Establishment nun nicht mehr von jenen, die ein anderes politisches und sozialökonomisches System installieren wollen, sondern von jenen, die es parasitär zu nutzen verstehen.
Siebte Lektion: Wo es weder ein richtiges noch ein falsches Leben gibt, gibt es Lifestyle. Lifestyle schaue ich mir jeden Tag an, am liebsten auf der großen Spiel-und Freizeitwiese vor meiner Haustür, dem Tempelhofer Feld. Der Konsum hat nun fast alles und alle gefressen. Rührende Zeiten, als man noch vom „Konsumterror“ sprach. Welcher Terror? Shoppen ist leider geil. Ich schrieb über ‚das Echte‘, aber was ist (noch) echt. Echt heißt heute ‚authentisch‘, ‚authentisch‘ aber ist bereits Produkt, denn es soll verkauft werden. Dieses Blog ist echt, denn es soll nicht verkauft werden. Dieser Eintrag ist echt, denn er ist viel zu lang für ein Blog und enthält zuviele Gedanken auf einmal, was gegen die Häppchen-Regel der Bloggerei verstößt. Die sind jedoch völlig wumpe, um meinen alten Freund Matthias zu erwähnen, von dem ich dieses schöne Wort gelernt habe.
Etwas stimmt nicht mit der Wirklichkeit. Deshalb ist Baudrillard noch einmal gefragt, der uns bereits vor mehr als dreißig Jahren versuchte klarzumachen, daß wir im Zeitalter der Simulation leben und die Wirklichkeit sich aus unseren Beziehungen zurückzuziehen beginnt. Wir agieren im Namen anderer und treten als jemand auf, der wir nicht sein sollten. Es hat uns ausgehöhlt und mit neuer Füllung versehen (wie Pralinen). Wir sagen Sätze, die wir unmöglich sagen dürften, wären wir bei Trost und wäre nicht geschehen, was geschehen ist. Das klingt nicht nur so, es ist unheimlich. Aus uns und durch uns spricht diese sogenannte Realität, die so wirklich ist wie sonstwas. Tony Martins Schlüsselbeinbruch ist echt, er muß die Tour im Gelben Trikot abbrechen. Auch das Spektakel, an dem er teilnahm, ist als Spektakel echt.
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