Kann man sagen, daß etwas mit der Wirklichkeit nicht stimmt? Darüber habe ich gestern während einiger Gänge durch die Stadt, die müde sommerlich wirkte, nachgedacht. Was stimmt denn nicht, was ist es? Die Gebäude stehen an ihrem Platz, das Gras wächst oder wird braun, wenn Wasser fehlt. Die Autos fahren auf mehrspurigen Straßen von Start zu Ziel und halten an der Tankstelle, bei der ich Bier für eine Gartenparty und drei T-Shirts kaufe. Sie bezahlen ihre Treibstoffrechnung, ich den Sechserträger und den Rest. Das Rückgeld kommt aus einem Gerät mit Ausgabeschale wie bei einem Zigarettenautomaten. Interessante Maschine, sage ich, der Kassierer lächelt gequält. Hinter mir steht ein gebräunter Muskelberg von Mann ohne Haare und sagt seiner tätowierten, ebenfalls gebräunten Freundin oder Frau, sie solle sich mal nicht so haben. Sie sehen mich an, als hätte ich einen Knall, T-Shirts bei der Tankstelle zu kaufen. Belegte Brötchen wären dem gegenüber in Ordnung. Vielleicht ist die Wirklichkeit intakt, nur mit mir stimmt etwas nicht. Mittags saß in einem eingeparkten Auto am Straßenrand ein junger Mann mit Sonnenbrille und gaffte mich an. Ich gaffte zurück, doch er zuckte nicht mal, bewegte auch nicht den Kopf. Hinter der Sonnenbrille sind die Augen verborgen. Das ist ein Akt des Verbergens und aufgekündigten Vertrauens. Gesicht ohne Augen. Er sah aus wie Justin Bieber, ein hilfloser Zehlendorfer Schnösel, sich langweilend, weil wartend in dem teuren Kleinwagen seiner Mutter, einem fremden Mann dabei zusehend, wie der zur Arbeit geht mit seiner uralten Aktentasche. Passiert ja sonst nichts in Zehlendorf. In den Bahnen waren sie verrückt wie selten zuvor. Schwarzer Freitag des Personennahverkehrs. Beim Aus- und Einstieg standen sie sich im Weg und hatten mit einem Mal vergessen, wie das funktioniert, aneinander vorbei zu gehen. Als seien auch sie schwer lenkbare Fahrzeuge. Niemand paßte irgendwohin, es gab freie Plätze, doch hatten die Fahrgäste vergessen, wie man zu einem freien Platz gelangt. Eine italienische Lehrerin versuchte es und trat einem Sitzenden auf dem Fuß, als sie versuchte, den Sitzplatz am Fenster neben ihm zu ergattern. Die italienische Lehrerin Nummer II, mit der sie sich eben noch unterhalten hatte, winkte ihr zu und ließ die Prospekte fallen, in denen sie bei voller Fahrt geblättert hatte. Dabei hatte sie ausgesehen, als suche sie die Antwort auf alle Fragen, freundlich verbissen. Ein ganzer Stoß, den sie aus ihrer Handtasche gezogen hatte, während sie haltlos an der Tür stand bei voller Fahrt des Zuges. Sie war schon alt, vielleicht war sie die Mutter der Lehrerin Nummer I. Die Schüler standen in Gruppen und wußten ebenfalls nicht, wie es funktionieren könnte, daß andere Fahrgäste an ihnen vorbei zum Ausgang gelangen. Gut, sie sind in einem Alter, in dem es wirklich darauf ankommt, sich mit sich selbst zu beschäftigen und untereinander schwer beschäftigt zu sein. Immerhin bückte sich einer von ihnen und gab der Lehrerinmutter die entfallenen Prospekte zurück. Ich hatte dann keine Lust, auf Italienisch um Entschuldigung zu bitten dafür, daß ich mich an ihnen vorbeiquetschen mußte. Es wäre mir vorgekommen, als wolle ich mich damit als Stammgast ‚meines Italieners‘, der ein Ristorante gleich um die Ecke leitet, zu erkennen geben. Ich sagte schlicht „Entschuldigung …“ und bohrte mich durch die Leiber. Doch vor der Tür hatten die Einsteigenden einen Wall aus Leibern erstellt. Sie sahen mich an, ich sah sie an. Schrecksekunde. So ging das noch eine Weile, es folgte eine abenteuerliche Fahrt unter Menschen, die alles verlernt haben, was sie sonst wissen oder können. Abends hatte sich die klimatische oder meteorologische Verstimmung etwas gelegt. Ich verlief mich einige Male, doch was zählt das schon? Die Hausnummern müssen sich verdreht haben oder das Straßenschild war falsch. Ich kam noch an, mit dem Bier unterm Arm, in meiner Tasche die drei T-Shirts. Eines trage ich jetzt. Ich weiß nicht, ob es mir steht. Etwas stimmt mit dem Kragen nicht. Habe ich erwähnt, daß ich leben schwierig finde? Allerdings gibt es Tage, die mich das vergessen lassen.
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