Die Lebenden sind nicht alles

Wenn ich mir überlege, wieviel Unbrauchbares mir während der Zeit meiner Adoleszenz gesagt und beigebracht wurde, muß ich heute lachen, besser: staunen. Wie ist es möglich, daß Menschen ein Leben leben, aber nichts Brauchbares darüber aussagen können? Ein Faszinosum. Ich staune noch jetzt derart, daß mir die Luft wegzubleiben droht. Deshalb berührt mich auch jene Stelle aus einem Song von Leonard Cohen, wo es heißt, daß man die Jungen nicht belügen dürfe, keinesfalls. The Night Comes On. Daran kann, daran muß man sich halten. Tue dies, unterlasse jenes – ja, gut. Sofern man es selbst lebt, dafür einsteht, es verbürgt, für Deckung sorgt. Sonst lieber schweigen, Schweigen ist Gold.

Ich habe aber verstanden, daß Menschen sehr wohl ein gutes Leben führen können, ohne darüber Bescheid zu wissen. Ohne Kenntnisse der Hintergründe und des gesamten Horizonts lebens- oder moralphilosophischer Erwägungen und Konsequenzen. Sie können es, sie tun es. Es gibt eine Weisheit des Tuns, die auf gelebter Weitergabe von Wissen beruht. Mich aber zog es in die Sphäre des Wortes und der klugen Anweisungen und Empfehlungen. Deshalb ging ich nahezu leer aus, für mich war nichts dabei. Ich mußte mir mein Lebenswissen selbst zusammenstoppeln. Dazu brauchte ich Verbündete. Die fand ich in der Literatur, in bestimmten Werken und bei bestimmten Leuten. Ich nenne sie meine toten Freunde.


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