Sachsen spielt sich blöde auf, ich trauere um Dresden. Fast eine Liebe.
Vor wenigen Tagen sah ich die zweiteilige Verfilmung von Uwe Tellkamps seitenstarkem Roman Der Turm. Ich sah, was ich bereits wußte, lernte nichts, bekam nichts zu denken, sah ungerührt zu, wie die Schauspieler schauspielerten.
Ich erinnerte mich der Lektüre des Buchs an einem verschneiten Frühlingsmorgen mit Blick auf die Elbwiesen und den Fluß. Es schneite auf diese zaghafte Art, wie es im März schneit oder im April. Als geniere sich der Schnee, müsse fallen und wisse doch, daß er zu spät kommt und nicht lange liegen kann. Da lasen wir verwundert Der Turm. Ein Buch über eine bürgerliche Familie aus dem feineren Dresden in den Zeiten der DDR. Das Buch war ein Geschenk, aus alter Verbundenheit mit der Stadt überreicht, mit besten Wünschen oder ähnlichem versehen. Wir lasen und lachten, lachten und lasen.
Das dicke Buch ist betulich und zeugt von einigem Schwachsinn. Das mag Absicht sein. Am Sinn wird fleißig gehubert, doch er stellt sich nicht ein. Die Bedeutsamkeit des Geschilderten bleibt Behauptung, der Wortaufwand steht in keinerlei Verhältnis zum Ertrag. Der poetische Zucker streuselt herum und landet sonstwo. Der Autor versucht sich an die großen und problematischen Erzählkünstler des Bürgertums heranzumogeln, mag an Thomas Mann, Hermann Broch oder Robert Musil gedacht haben, parodiert sie unfreiwillig. Diesen unfaßbaren Blödsinn schluckten die Kritiker und lobten das Buch in die ihnen vorstellbaren Höhen.
Dresden, fast eine Liebe. Als es zerschunden und arm war Ende der DDR und Anfang der Neunziger, da liebte ich es und war traurig, als ich ging. Nach mehr als zwanzig Jahren kehrte ich zurück und stieß auf eine Stadt für Tagestouristen und Rentner, vollständig eingerichtet und zufrieden, versorgt und fertig. Die Frauenkirche steht, das Schloß steht, alles steht dort herum und wartet auf Besucher. Man kann gleich wieder gehen, hat binnen einer halben Stunde fast alles begriffen. (Da lasen wir in dem dicken Buch.)
Leben bedeutet dort Provokation. Man will seine Ruhe haben, mit dem Fahrrad den Elbradweg zum Blauen Wunder fahren und wieder zurück. Alles soll bleiben, wie es nie war. Sie sind dort traumatisiert, noch immer, auch die Jüngeren, und merken es nicht. Noch immer hören sie die Bomber und halten sich die Ohren zu. Eine solche Sache macht auf mehrere Generationen taub, jedenfalls in Dresden, wo ja sonst nichts geschieht oder geschehen ist seitdem. Sie sollten anfangen, sich dort ausschließlich selbst zu versorgen. Auf dem Fahrradweg wird man weggeklingelt. Die Radfahrer sind streng. Alle sind streng, gelächelt wird selten. Wer fremd dort ist, wird fremd bleiben. Dresdner Art.
Dresden, fast eine Liebe, weil die Stadt so verschlafen sein kann und traurig zerschunden und blutend schön, wenn man sich auf die abseitigen Wege versteht. Steine, Schrift, Moder, Efeu, Erdreich. Aus Trauer macht man keine Politik.
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