Sein Herz auf der Zunge tragen? Nicht zu empfehlen. Aus dem Herzen eine Mördergrube machen? Abzuraten. Geh wohin dein Herz dich trägt? Bestsellertitel. Herz und Hirn miteinander verbinden, sie nicht gegeneinander wenden. Das Empfinden ist körperlich, das Denken scheint überwachen zu sollen. Es geht interessant in uns zu.
Autor: Holger Tegtmeyer
Aus dem Zusammenhang 393
„Grundgütiger, wo wart Ihr, ich habe das Feuer in Eurem Zimmer für die Mäuse gemacht.“
Taboo, S1 E2
Das ist nicht alles
Es ist sonderbar, hier und zu solcher Zeit zu leben. Da die Ungewißheiten zuzunehmen scheinen, treffe ich auf Überzeugungen und Überzeugte. Die Bekundungen fallen in den Schlagwortkanon austauschbarer Leierlieder. Der Kehrreim geht auf GUT und auf WIR, während die andere und feindliche Seite unter aller Kritik und Würde erscheint. Ginge man einen kleinen Schritt weiter, wäre Vernichtung angezeigt. Ich erlebe solches Sprechen auf allen Seiten des politischen Spektrums und notiere es, damit es notiert worden ist.
Musterfalle
Die Frage liegt mir seit Wochen auf der Zunge. Sie lautet: Glaubt jemand ernsthaft, er könnte sich selbst dadurch erheben, indem er andere abwertet? Wie damals, als wir Kinder waren, und jemand angeschwommen kam und uns untertauchte, dabei unsere schwachen, schmalen Körper benutzte, um sich von ihnen abstoßend für einen kurzen Moment des Beifalls erhoben zu fühlen. Warum liegt mir diese Frage auf der Zunge? Die Frage kommt aus dem Leben, das ich leben soll oder kann. Ich achte darauf, wer zu heben und aufzurichten versteht. Handbewegung von unten nach oben, die Handfläche geöffnet. Du sollst wachsen und gedeihen, Mensch. Die gegenläufige Bewegung führe ich nicht aus. Sie handelt von erlittener Mißbehandlung. Die Erniedrigten erniedrigen und setzen das Handwerk der Minimierung fort. Das ist ebenso folgerichtig wie schlimm.
Wellen, Spitzen, Zacken
Für die Art, in der ich jetzt fühle und denke, habe ich noch keine Sprache. Sie wird eintreffen. Die Sonne ist unter der Horizontlinie verschwunden, der westliche Himmel glüht nach. Stimmen und Gelächter hier, das sind Menschen. Hinter der Baumreihe leuchtet die Nadelspitze des Fernsehturms. Eine schmale Wolke im Westen, langgestreckt wie ein Raubfisch, durchsichtig auf das Skelett, schwimmt schwebend weiter, bis er zerfällt.
Unterworfen
Wir glauben unserer Angst mehr als uns selbst.
Sehr einfach, sehr klar und überaus erfreulich
Schläfrig alles, langweilig. Ich schaffe mir eigene Sensationen. Jeden Tag geschieht sonstwas, und ich darf es erleben. Wer ist schläfrig, muß zu Bett oder sollte, was ist langweilig (Zeitfolter)? Das übliche Gerede, die bis zum Brechreiz wiederholten Plattheiten. Kleine Handbewegung innerlicherseits, und sie sind fort. Was wichtig ist, entscheide ich selbst. Du machst bitte ebenfalls, was du möchtest. Anschließend erzählen wir uns Geschichten.
Aus dem Zusammenhang 392
„Es hieß, du seiest tot.“
„Ich bin es.“
Taboo [2017], S1 E1
Ost-West
Mit frischen und unverbrauchten Blicken die eigene Stadt sehen. Dazu kann man sich besuchen lassen und einfühlen in die Wahrnehmung der Ortsfremden. Ist nicht schwer. Hotels am Rosenthaler Platz, Füchse an der Zionskirche, der feuchterdige Kellerbiergeschmack von Pilsener Urquell. Auskofferungen des künftigen Gleisbetts für die schweren neuen Straßenbahnen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Bauabsperrungen geöffnet, wir glauben hier nicht an Mauern. Veteranen und Invalide. So klingen die Straßen den Kämpfen und Verletzten nach. Berlin erholt sich von den Überanstrengungen. Die Torheiten müssen einzeln durch, jeweils neu, ständig wieder. Hier spielen sie sich auf und ab. Mehrfach geteilte Stadt. Wir warten auf den nächsten Zug.
Gesichtsbilder
Im Gespräch und auch sonst warte ich auf den eigentlichen Menschen. Denn der Halbautomat, der handelt, wie man handelt, der spricht, wie man spricht, kann es nicht sein. Warum so gewöhnlich? Unauffällig durch Tarnung, Täuschung durch Mimikry. Denn wir sind gefährdet. Dabei können wir so schön sein und wahr. Ich vertraue dem Gesicht.