Mir wäre lieb, ich würde Comic-Zeichner sein. Die Geschichte, die ich zeichnerisch erzählen könnte, handelte von einem Hund, der sich Gedanken macht über die Umstände, unter denen er lebt und leidet. Die ersten vier Bildsequenzen stehen bereits, weitere werden folgen. Der Hund hat noch keinen Namen, doch Frauchen und Herrchen sehe ich vor mir. Sie wohnen beengt und sind froh, wenn niemand sie behelligt. Vor die Tür treten sie nur, wenn der Hund mal muß. Dann schleppen sie ihn einmal ums Carré. Der Hund ist froh, wenn die Sache vorbei ist. Er weiß mehr als man denkt. Endlich beginnt er zu sprechen – doch nicht zu den beiden.
Autor: Holger Tegtmeyer
Wenn wir schweigen
Menschen gehen an mir vorbei, ich an ihnen. Was hatten, was haben wir miteinander zu schaffen? Es wird sich weisen. Wer das weist, weiß ich nicht. Ich staune an allem entlang, sehe Leuten nach, lese alte Briefe. Mit jedem Tag wird das Leben, falls ich verallgemeinern darf, erstaunlicher. Während, um ein Beispiel zu nennen, nach dritten, vierten und weiteren Geschlechtern gefahndet wird, beschäftigen mich die bekannten beiden, und ich vertiefe mich mehr und mehr in das raffinierte Rätsel des Lebens in seiner Fruchtbarkeit. Daß selbst ich existiere, verdankt sich etlichen Umständen und glücklichen Verläufen. Nichts versteht sich von selbst, für alles wurde gezahlt, geopfert, geblutet. Manchmal ist mir, als hätte ich noch nicht genug gegeben.
Müßte ich sterben
So ging das damals, als ich anfing, mich zu trauen
Der Sommer ist die Sehnsucht
Ein warmer Windhauch in der Nacht
Sofort trocknet die Tinte.
Ich spüre eine Befreiung
Seit mindestens fünf Jahren bin ich halbtot. Man mag das für eine Übertreibung halten, ich halte es für eine Untertreibung. Sollte ich auf die Schnelle erklären sollen, was mich ereilt hat, daß ich derart in ein Siechtum geriet, also eine Schrumpfung, eine Einpressung, ein Gemindertwerden, wäre ich darauf angewiesen, verbrauchte Wörter und Erklärungen anzubieten. Das tue ich nicht. Ich spüre (nach und nach) eine Befreiung, ein Leichterwerden. Gewichte fallen ab, Panzerungen sind unnötig. Der Prozeß der Rückgewinnung und Fortentwicklung findet ruckweise statt. Oft bin ich nun schon glücklich aus einfachsten Gründen. Ich kann Menschen spüren, wie ich es einst doch konnte. Mich rühren Szenen des täglichen Geschehens. Ich fühle mich nicht mehr persönlich angegriffen. Das ist entscheidend. Die Angriffe auf meinen Verstand gehen weiter, doch ich kann sie besser abwehren.
Erntezeit
So wird mir das Leben allmählich lustig. Ich denke von oben nach unten und schaue von unten nach oben. Oben und unten sind relativ, das Leben ist und bleibt unsererseits ein Relativ. Daher die Bemühungen und ein intensives Einschalten und Vorantreiben von Absolutismen. Als sei damit auf Dauer etwas gewonnen, als könne der Mensch aus seinen Bedingtheiten ausbrechen und ins Absolute vordringen. In Annäherungen mag das möglich sein, doch die Nähe darf nicht zu stark werden. Wir würden, solche Nähe uns einbildend, fürchterlich werden, unerträglich ohnehin. Das Leben wird mir lustig, also annehmenswert, da ich verstehe, was die Leute einschließlich meiner treiben. Man kann seine Zeit verbummeln. Ich finde das durchaus ehrenwert. Die Angestrengten strengen mich an. Ich freue mich auf den Herbst, den sie ankündigen, als bedürfe es einer Warnung. Die Erntezeit hat begonnen, die Früchte sind reif. „Und süßer noch wird die Erinnerung an unsere Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie beendete. Dann erst begreifen wir, wie sehr es schon ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in unseren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit liebevollem Gruß am Morgen und zur Nacht.“ (Ernst Jünger, Auf den Mamorklippen, 1939)
Lifekonzert
Warten in der Wartehalle. Wir mit unseren handlichen Geräten, verbunden in ein Anderswo. Die Halle ist gekachelt, so daß man die Blutspritzer leichterhand abwischen kann. Noch drei Minuten bis zur Einfahrt des Eidotterzuges. Zwei Minuten. Ich suche Gesichter. Hier sind genug Gesichter. Ich zähle die Deckenleuchten, die Halle ist riesig. Man könnte ein Untergrundkonzert veranstalten. Noch eine Minute.
Neue Karten, neues Spiel
Es ist Nacht, ich muß schlafen. Mir gehen die Sätze nach, die wir gewechselt haben. Daß wir einander sind. Was denn schon? Verbunden. Offen wie alles, das lebt und nicht nur tut. Anstrengend sind die Gewohnheiten nebst ihren Zwängen. Die Konventionalität des Denkens und Handelns macht mich platt. Als seien die Notausgänge verriegelt, als schmurgelte der Geist in der Pfanne für einen längst erbrachten Beweis des Materiellen. Das Private veräußert sich ins Allgemeine. Mir ist das erkennbare Schummeln allemal recht. Es zeigt auf die verwundbaren Stellen.
Sie würden gern
Es gibt eine bürgerliche Unberührbarkeit, die krank macht. Sie sagen nicht, was los ist. Sozialer Immunschutz. Lieber heimlich husten und Blut spucken. Das Elend sind die anderen. Politisch war von Brandmauern das Gespräch, die Metapher entstammt ebenfalls der bürgerlichen Sphäre. Man möchte sich nicht gemein machen mit den Problemen der Abgehängten und Verdrängten. Lieber Predigten in die eigene Gemeinde halten, schließlich kommt von dort die Anerkennung. The future is now, läßt die Funkausstellung texten. Da man stattdessen genauso gut Vergangenheit einsetzen kann, entscheide ich mich für Gegenwart. Das Problem der Bürger ist, daß sie sich selbst nicht adeln können.
Diesseits der Stromoder
Zurück in Berlin. Sonne schien, später regnete es bei gehörigem Wind. Dort wie hier tun die Leute, als sei alles normal. Normal ist, daß ein Zug zur gegebenen Zeit heranrollt, die Türen öffnet und nach gewisser Zeit sie wieder schließt und abrollt, einem angegebenen Ziel zu. In solchem Sinne herrscht auf den Strecken des Nahverkehrs Normalität. Dort ist, woher ich heute kam. Eine mittelgroße Stadt, Altstadreste, ein Kanal, eine Kirche, eine bemerkenswerte Stadtgeschichte, ehemalige Neubausiedlungen, nun saniert, von der Ausdehnung eines Truppenübungsgeländes, Straßenschneisen von der Breite, Länge und Unbeirrbarkeit eines Paradezuges angstvoll auftrumpfender Macht. Wir marschieren niemals wieder. Historisierendes Kopfsteinpflaster in der historischen Altstadt, eine Fußgängerzonenstraße mit Blumenkübeln wie für die Satire. Hier ist alles fertig, sagte einst ein Freund angesichts solcher Verhältnisse in einer westdeutschen Stadt namens Cloppenburg – oder war es Quakenbrück. Ist alles fertig, bleibt nichts zu tun, es geht ans Sterben.