Da ich mich zu verlaufen pflege, benötigt der Geist etliche Zeit, um sich abermals Orientierung zu verschaffen. Wo sind wir gelandet, was läßt sich tun? Klängen die Kriegsmetaphern nicht entsetzlich bekannt und drängten sie nicht als Vorstellungsbilder aus der Sphäre des Vergleichs in die Reichweite des denkbar Wirklichen, ließe sich der Geist als ein Feldherr darstellen, der sich einen Hügel auserkoren hat, von dem aus er das Geschehen der nächsten Operationen und Manöver meint überblicken, verstehen und anleiten zu können. Insofern ist mehr als bloß Zeit gewonnen. Die Zuversicht ist zurück, aber nur im Privaten. Öffentlich legen sie Dynamit aus, die Strategen der Macht. Angstmacht verbreitet Machtangst. Ich erkenne sie überall. In der Nähe der Macht stockt mir der Atem – dann atme ich flach und leise.
Autor: Holger Tegtmeyer
Pappelschnee
(Ich lese nach, was ich im November 2022 geschrieben habe. Doch, das paßt.) Texte sind Dauerstadien – so wie Samen oder Sporen. Auch sie dienen dazu, ungünstige Perioden zu überstehen. Lasse ich einen solchen Samen los und setze ihn in den Wind, daß er fliege – aus den Augen, aus dem Sinn – schmerzt ein banges Gefühl. Reise weit, kleines Wesen, unvollkommen wie du bist. Ich schreibe dies – da schwebt ein weiches Flaumbündel am Fenster vorüber.
Menschenskind
Der Außenfahrstuhl hat die Größe einer hochkant gestellten Kühltruhe und fährt auf und ab. Eine Kekspackung wird aufgerissen, das macht Geräusche. Poesien des Alltags. Zeitvertreib letzter Tage: der Frage nachzugehen, ob es zwingend nötig ist, etwas von sich zu halten. Was glauben Sie denn, wer Sie sind!
Was soll man denn sagen
Fröhliches Mitgefühl
Ach die Menschlein – so irrwitzig überzeugt von dem, was sie nicht wissen.
Kurz vor dem Aufbruch
Verglimmende
Mittagsstunde in der Bahn, erst der einen, dann der anderen, unter-oberirdisch. Transport der Selbstmordkandidaten. Aussichtsreiche. Ein leises Röcheln eilt von Waggon zu Waggon, das ist der Einsammler. Ein leichter Stoß mit dem Schürhaken auf das Brustbein, und er weiß Bescheid. Notiert sich das. An der Endstation wird ausgeräumt. Es träumt sich hellwach inmitten des Lebens umfangen vom kalten Tod der Bilder. Da dies nachts geschrieben ist, sirrt eine Mücke heran, hat es auf den Kopf abgesehen.
Positive Unterstellung
Wenig geschieht umsonst. Ein Satz rutscht heraus und kann nicht zurückgeholt werden. Vielleicht sollte er exakt dort seinen Sekundenauftritt bekommen, wo er ihn bekam, nämlich an vermeintlich falscher Stelle. Damit die Dinge in Bewegung bleiben oder in eine geraten. Auch die Fehler wären so zu betrachten. Erst schämen wir uns, dann kommt, manchmal lange Zeit später, die Zusage des Schicksals. Was man Schicksal nennt, ist weitgehend unbekannt. Man kann drauf wetten, doch mit geringer Quote. Dafür wurde das Wort nicht geschaffen. Daß aber unsere Verhältnisse in eine richtige Ordnung geraten, gern auch versehentlich, also unbeabsichtigt …
Lacht
„Hier ist gar nichts mehr los. Die Leute gehen nicht mehr aus, die bleiben zuhause und besaufen sich dort, da ist es billiger. Früher – ja, da fand sich alle Welt hier ein, wenn gespielt, getanzt und gesungen wurde. Die Nächte kannten kein Ende. Oft ging es bis in den frühen Morgen, eine wilde Zeit war das. Heute muß alles unter Kontrolle sein, weil niemand mehr vertraut. Die überwachen sich selbst. Wohin das führt – keine Ahnung. Zu nichts Gutem, würde ich sagen. Aber man kann sich ja irren. Hoffentlich kann man das noch.“ [Lacht.]
Salut 1
Traurigkeiten waren ausgeflossen | Leben klebte grau an Teilen | Fäden hingen lose vom Himmel | Wolkenschwärme wanderten, Müdigkeiten rückten ein | Pflichten drückten wie Schulranzen | Es war ein altes Weinen neu in der Welt | Wohin mit dem Fensterkreuz | Auf dem Rücken die krumme Schuld | Ein Erinnerungsstück