Wie ein Kind, das bereits weiß, daß es nicht hilft zu sagen, ich will heute nicht zur Schule, sagte er: Ich möchte heute nicht auf die Straße und nicht unter Menschen. Es gibt aber keine Chance auf ein Entkommen, das Ganze läßt nicht los. Die Systeme interessieren sich nicht für die Menschen, sie behandeln sie. Nach Möglichkeit widerstandsarm. Zustimmung oder Gewalt. Immerhin gelingen Erfassung und Behandlung selten widerspruchsfrei. Ob aus den menschengeschaffenen Systemen ein sinnvolles Ganzes entstanden ist oder entstehen kann: erfahrungsabhängige Ansichtssache. Er kleidete sich an.
Autor: Holger Tegtmeyer
Aus dem Zusammenhang 396
„Ich kann solche Vororte nicht ausstehen. Wie aus der Plastikfabrik …“
True Detective, 3. Staffel, Folge 5
Prozession von Gesichtern und Geschichten
Was zu bemerken wäre
Wo Menschen sich wert und teuer sind, werden sie einander nicht ins Reizwortgewitter locken. In solcher Szenerie erfolgt Schlag auf Schlag entsprechend der Logik des Schlagwortabtauschs – bis keiner mehr steht. Welche Werte die Kombattanten auch austauschen, sie werden ähnlich klingen oder sein. Daß damit Punkte gewonnen werden sollen, zeigt auf die Fragwürdigkeit des erzeugten Konflikts. Wir sind ja bereits einer Meinung, nur daß sie in zwei Stücke zerteilt wird und wir mit ihr. Daher die sonderbaren Schmerzen.
Wir dürfen ja wissen
Die Kunst kann keine falschen Geheimnisse brauchen, ebenso wenig wie das Leben sie benötigt. Künstliche Verdunkelung schadet, selbst wenn die Aufklärungsmetapher als aufdringlich empfunden wird und zu Widerspruch reizen muß. Was geschieht des Nachts? Schlaf, Traum, Liebe, Verbrechen. Ich lausche dem gründlichen Mahlen der Waschmaschine, ihrem programmgetreuen Hin und Her der Drehbewegung hin zum Höhepunkt des Schleuderns und Auswerfens. Noch ist nicht Mitternacht. Ich kenne die Warnungen vor dem Dunklen und der Finsternis, doch ewiger Tag und ewiges Licht würden uns ausblenden. Nicht allein der Mensch, auch anderes Leben benötigt Verstecke. Daß die bösen und angefeindeten Mächte sie für sich nutzen, versteht sich von selbst. Welches aber sind die wirklichen Geheimnisse? Was muß geheimgehalten werden, damit nicht Schabernack getrieben wird oder Schlimmstes geschieht?
Was werde ich heute tun?
Groteske Phantastik des Abseitigen. Ich durchlebe sie. Wo liegt der berühmte Arsch der Welt, was bedeutet Welt außer Heimat? Grotesk bedeutet: wunderlich, verzerrt, seltsam, auch übertrieben. Phantastik umfaßt, was versponnen, wunderbar, großartig ist und gegen die Naturgesetze zu verstoßen scheint. Abseitig versteht sich wie von selbst, wirft aber Fragen auf. Die stelle ich mir nicht. Mir ist, als sei ich eine Figur aus einer Erzählung, die ich Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel kennenlerne, im Fortlauf des Geschehens. Ich halte mich für handelnd, doch ich bin geführt. Die Erzählung läßt mich handeln und untersagt es mir, wenn ich stillhalten muß. Das klingt komplizierter, als es ist. Es findet Tag für Tag statt, und ich lasse mich überraschen.
Die xte Angst in der Arena
Ein bißchen ist es tröstlich, daß endlich eine vom Menschen erschaffene „Intelligenz“ der seinen Konkurrenz macht. Damit er auf seine eigentliche Intelligenz zurückverwiesen wird. Da scheint einiges zerstört zu sein. Nun wird allerdings bereits phantasiert, daß die künstliche nicht nur der natürlichen Intelligenz Grenzen aufweist, sondern erstere dafür sorgen könnte, letztere mitsamt ihrer Träger (das sind die Menschen auf Erden) zu vernichten. Haben die Entwickler schlechte Programme geschrieben? Man ist versucht, die Goethe-Ballade vom Zauberlehrling (1797) in Betracht zu ziehen – demnach warteten wir auf den Meister, der die aus dem Ruder geratenen Verhältnisse beruhigt und die Ordnung wiederherstellt. Es gibt keinen. Sind Zauberlehrlinge am Werk? Nun, sie scheinen es zu bemerken und warnen selbst vor den Folgen ihres eifrigen und aufgefütterten Tuns. Ich kenne sogar Leute, die die Meinung vertreten, die Menschen müßten „eigentlich“ vernichtet werden, um das nichtmenschliche und also bessere (unschuldigere) Leben auf dem Planeten Erde zu retten. Wir wären demnach die Pest auf Erden. Zuvor jedoch wollten „wir“ ein Virus ausrotten, das der Pest ein wenig auf die Pelle rückte. Konfuse Zeiten, verwirrte Sinne. Die armen Menschen. Man müßte sie in den Arm nehmen und trösten. Mich auch. Zu viele trostlose Nachrichten. Das sind Lähmungsschläge.
Der Wind trägt Motorengeräusche herbei, ansonsten ist es
Gewiß war ich zuviel mit Menschen, gewiß habe ich Worte verschwendet. Ich müßte lernen, stiller zu sein und in eine Ruhe zu gelangen, die zu mir paßt (in die ich gehören mag). Der innere Aufruhr mag verschwinden – besser formuliert: er möge bleiben, solange er meiner oder ich seiner bedarf. In meiner Welt wird niemand hinausgeworfen. Wenn er gehen mag, möge er gehen. Früher hätte ich gesagt: Ich errichte mich neu. Heute verzichte auf solche Prahlerei. Das Pathos ist geblieben. Über Leidenschaft wäre nachzusinnen. Ich spüre beide ihrer Seiten. | Draußen im Asphaltgarten raschelt es, es ist das Geräusch von Fingern, die in eine Tabakpackung greifen, um eine Zigarette zu drehen. Solange man lebt, soll man rauchen. Wer sagte das?
Warum sich überhaupt ärgern?
Warum sich überhaupt ärgern? dachte ich letzte Woche noch. Ich dachte das nicht nur, ich wußte auch keine Antwort. Sollen die Jüngeren drängeln und quengeln, wenn ihnen danach ist. Wo aber wäre meine Position, falls ‚Position‘ bezeichnet, was ich meine oder gegebenenfalls suche? Ich würde aufmerksam machen, falls das eine Aufgabe sein kann. Ich bin vorsichtig mit Aufgaben. Das Leben handelt meistens anders.
Minzgeschmack
Dieser Tage und Wochen bin ich unruhig. Als stünde etwas bevor, als lebte ich in böser Vorahnung. Im Tagebuch steht: Ich bin ein halbtot gerittener Gaul. Anbrausende Gedanken, die im Licht der warmen Sonne und des Nachmittags vergischten. Wir leben normal und gesittet, die Züge fahren, der Verkehr verkehrt. Ich erwerbe ein Krustenbrot und bestelle es geschnitten. Sehr wohl, der Herr. Ich liebe das Leben und erfreue mich der Nuancen. Mich ärgert, wenn ich zu viel spreche. All diese Worte, reimt sich auf Torte. Wird schon gutgehen, muß ja, was soll’s. Nachher weiter. Erstmal träumen. Oder doch noch ein Textchen, eingefaltet und klein wie in ein After-Eight-Format.