Ideales Wetter, falls es das geben kann

Ideales Wetter (falls es das gebe kann): nicht zu warm, nicht zu kalt, sonnig und freundlich. Durch das Laubdach fallen Lichtflecken neben die Schattenpartien, das ergibt im leisen Wind ein bewegliches Bild.

Eben stellte sich die Frage (während ich Mahjongsteine paarweise zuordnete), wann das Leben seine Schmerzausteilung einstellt. Ein jeder bekommt seine Rationen, dosiert und abgestimmt auf Werte, die niemand kennt. Wir versuchen uns an Schmerzvermeidung und entgehen ihm dennoch nicht. Denn das Leben ist Schmerz. Um uns im Gleichgewicht zu halten, ist ihm die Lust beigesellt. Lust ist Schmerzerwartung, Schmerz ist Hoffnung auf Lust. Die beiden tanzen so hübsch – verstünde man sich aufs Zuschauen. Deshalb auch gilt Interesselosigkeit als ein hohes Gut der Selbstherrschaft.

Die Utopisten, so dachte es weiter, versprechen die Schmerzfreiheit in eine Zukunft, die erst noch zu schaffen sei. Was bliebe dann von der Lust? Andere versprechen Erlösung, verzichtete man freiwillig auf sie, durch tägliche Übung und fortwährende Praxis der Entsagung. So wäre das Wechselspiel oder der nicht enden wollende Tanz unterbrochen zugunsten von Gleichmut und Beständigkeit.

Die Wege des Herrn sind unergründlich, sagten sie früher und unterwarfen sich ihrem Schicksal. Doch das Schicksal verlor an Prestige, ebenso der Herr oder die Herren. Jetzt sollen wir es selbst schaffen – zumindest doch unser eigenes kleines Glück. Der Politik darf man es nicht überlassen, so viel ist klar.

Was sagt der Wind? Ein Flüstern und Wispern, das zu verstehen ich nicht begabt bin. Einige Wölkchen verschatten für diesen Augenblick die Sonne. Ein Vogelstimmchen ist zu hören. Ich verlasse den äußeren Garten, den inneren nehme ich mit.

Ideales Wetter, falls es das geben kann

Hunger auf Chips

Eine Chipstüte mußte heruntergefallen sein. Ihr Inhalt lag auf dem Asphalt ausgestreut wie Spielgeld, das niemand mehr aufhebt. Eine Ratte lag Bauch nach oben neben der Kirche auf dem Kies, die Fliegen taten sich an ihr gütlich. Ein Vogel lag im Hinterhof, die Brust war bereits geöffnet, auch dort zehrten sie. Geben und nehmen. Als die Sonne, wie wir sagen, unterging, brannte der Himmel in heißer Glut. Warum photographieren die alle, dachte ich, in östliche Richtung laufend. Als ich mich umwandte, fuhr der Schreck der Schönheit in mich. Aber die Bilder zeigen nicht, was sie zeigen sollen. Sie zeigen, was sie zu zeigen vermögen und anderes mehr. Manchmal sitzt ein unscheinbarer Hund am Bildrand und ist das Eigentliche. Fortwährend lernen wir sehen.

Hunger auf Chips

Es tröpfelt nach

Lähmungserscheinungen, Zuckungen des Halbverstehens, Bekundungen drittletzter Hand. Debatten und Delirien. Niemand versteht irgendwas und gewiß nicht irgendwen. Früher zuckte ich zusammen, wenn jemand Modisches, also Schnellvergängliches sagte, parolenhaft und aktiviert, hilflos auch, ein Gutes oder Besseres erstrebend, idealistisch gestimmt ohnehin, hier ist Deutschland, wo man sich auf politische Romantik versteht. Ich zucke nun nicht mehr zusammen, längst nicht mehr. Ich genieße nicht die Verwirrung, ich studiere sie. Wie man einem Insekt zusieht, das sich neugierig der Kerzenflamme nähert, die Hitze spürt und zurückschreckt, sodann jedoch neuerlich dorthin muß, wo es leuchtet und brennt.

Es tröpfelt nach

Trockenheit und Fruchtbarkeit

Ganz unklar, ob man uns aus der Dressur (Abrichtung) holen könnte. Das müßten wir selbst leisten, mit oder ohne Hilfe der Freunde. Wenn es einem gelingt, aus der Reiz-Reaktions-Schablone herauszufinden, ist gezeigt, daß solches möglich ist. Das ermüdend und endlose Repetieren angeblich unsterblicher Gewißheiten vergiftet die Lebenswelten in einer irritierten und höchst verstörten Gesellschaft. Man bekommt gegenseitig und miteinander kaum mehr Atem vor Rechthaberei. Schreibe ich man, setze ich voraus, daß es anderen auch so geht. Schon läßt sich Donner vernehmen, erste Tropfen des Himmels treffen ein. Bravo Donner, bravo Blitz.

Trockenheit und Fruchtbarkeit

Nehmen – geben

Jemand erzählt seine Geschichte, er weiß, daß es eine ist. Eine solche wie die seine hat kaum jemand sonst. Entsprechend hören sie zu. Ihr Leben bestand aus Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf, Familie. Sein Leben bestand aus Aufbegehren, Gewalt und Gefängnis. Wo befindet sich die Heimat des Menschen – wohin treibt das, was wir Leben nennen, in uns? Meditation bedeutet, ohne Antwort zu sein.

Nehmen – geben