Um eine Oase zu erreichen, muß man durch Wüsten wandern.
Allgemein
Ich trage keine Uhr
Bin ich nun müde? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß ich frei bin, nämlich fast schon ohne Angst. Das muß vorsichtig formuliert werden, sonst macht es Krach. Den Tag muß man mit anderen teilen, die Nacht hat man allein. Im Schlaf kehrt etwas von der Unschuld zurück. Schlafende sind heilig. Gerät man in die Worte, wird es allgemein. Nicht gemein zu sein wäre ein Wunsch. Ein Wind stöhnt auf. Blätter rascheln. Noch immer ist Sommer. Ich lebe.
Fast schon hell
Immer mit der Ruhe, pflichte ich mir bei. Wenn die Leute ausflippen wollen, sollen sie es tun. Ich muß nicht mitrotieren, werde nicht gegenrotieren. Ich sah ein Riesenrad und dachte an ein Hamsterrad. Der Hamster wäre riesengroß, man müßte ihn filmen. Es wird erneut Fußball gespielt für Millionen. In den Augen der See sind wir Abtrünnige. Das Schaukelgeräusch ist zurück. Ich wurde aufmerksam gemacht auf ein berüchtigtes Buch aus dem Jahr 1934, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Unter verändertem Titel verlegt bis in die Achtzigerjahre. Bedürfnisverweigerung als Erziehungsimperativ. Wir entstammen strengsten Verhältnissen, unsere Alpträume haben festen Grund. Noch immer stöhnt die Schaukel.
Jetzt ist es weg
Tief nachts. Ein metallisches Klagen, als sitze jemand, ein Kind vielleicht, auf einer Schaukel und schaukle im Abstand von Minuten wiederkehrend nur ein einziges Mal, oder jemand öffne ein Fenster, schließe es, um es erneut zu öffnen, allein für dieses Geräusch. Wirklichkeit ist, was geschieht und nicht geschieht. Vorstellungen sind Wirklichkeit anderer Art, ebenso Filme oder Musik, Predigten oder Träume. Ich lief auf die Straße und mußte anhaltend lächeln, vor innerem Glück. Die Straße, auf der ich lief, war voller Sommermenschen mit Erwartungen und Hoffnungen auf Liebe und Erfüllung der Wünsche.
Konsekutiv bis final
Nachrichten lesen und nicken. Nicht aus Zustimmung, sondern aus dem zweifelhaften Bedürfnis, tagtäglich anzuerkennen, daß die maßgeblichen Akteure, sofern sie derzeit bereits erkennbar sind, jeweils das ihre tun, damit die Dinge schlecht enden. Sie handeln guten Willens oder scheinen überzeugt zu sein, das Richtige zu tun. Dabei gehen sie derart vor, daß jeweils bestehende Konflikte bis zum Zerplatzen vergrößert und unentwegt aufgeblasen werden, daß einem die Chose nur so um die Ohren fliegen wird. Da sie aber (schlecht beraten) überzeugt sind, folgerichtig zu handeln (gefangen in irrigen Vorstellungen eines gewinnbaren Spiels) und das Angemessene zu tun (fixiert aufeinander wie Idioten), laufen die Geschäfte auf einen Totalbankrott zu. Ich frage mich, wer als erstes fällt. Der Schauplätze sind einige. Wozu noch Namen nennen und Orte. Schräges Vergnügen, solche Gegenwart miterleben zu müssen.
Lob dem schönen Sommer
Die Wehmut nicht ins Kraut schießen lassen, nur weil es kühl und regnerisch ist und die Biergärten gar nicht erst öffnen. Nicht aller Tage Abend, der Sommer verschwindet nicht über Nacht. Jeden Tag annehmen und durchleben wie ein Abenteuer, eine Erfahrung, aus Erlebnissen gefügt wie eine Geschichte, deren Erzähler ich nicht bin, du nicht bist. Hier spricht jemand über models und mindsets, das kann man auch machen. Alles ist möglich, mindestens vieles.
West-Ost
Auf dem Rückweg vom Großen Feld wählte ich den Weg an der Kirche mit dem abgeschnittenen Kirchturm vorbei. Da kamen drei Männer entgegen, die unterhielten sich, ich weiß nicht, worüber. Einer sagte: „Das sind Meinungsakademiker.“ Auf wen er zielte, mußte unklar bleiben. Schon waren wir unhörbar voneinander in unterschiedliche Richtungen unterwegs.
17. August 2026
Was war das für ein Tag? Nun geht auch er, so wie alle Tage gehen, damit neue Tage kommen. Schlecht geschlafen, beinahe gar nicht. Vielleicht war versteckter Schlaf dabei, ein Schlaf kurzer Dauer, den man nicht bemerkt. Einmal zuckte nachts ein Bein. Wann immer ich wach lag und versuchte, nichts zu denken, hörte ich einen Komödianten, der auf ein Publikum einschrie, das mit wieherndem Lachen quittierte, was der Schreihals ihm an den Kopf warf; unklar blieb, in welcher Sprache. Die Laute kamen aus Lautsprechern von irgendwoher, von irgendwo aus dem Haus. Nichts, worüber man sich beschweren dürfte. Es lag an dem Zustand des andauernden Wachseins – obgleich ich zu schlafen versuchte und fast schon mit Gewalt den Schlaf herbeizuwünschen begann. Daß es nicht funktioniert, wußte ich, während ich wünschte. Auf der Toilette war es auch nicht schön. Am Schreibtisch hatte ich nichts zu schreiben. Unausgeschlafen begann ich den Tag, nickte mir im Spiegel zu, äh. Dann auf die Straße (ich wollte schreiben: Strafe), hinein in die Bahnen, die uns Menschen an Orte rollen, wo wir gebraucht werden. Es wurde kein schlechter Tag. Ich frage mich, ob es schlechte Tage gibt, bei genauerem Besehen. (Dazu das Lied von R.E.M.) Tage, an denen schlechte Nachrichten eintreffen. Tage, an denen nichts passiert. Tage, an denen alles schiefläuft. Schlechte Tage? Was geschieht, wird irgendwann geschehen müssen, früher oder später. Deshalb den Tag dafür verantwortlich machen? Mein Tag, dein Tag usw. Meditation heißt, ohne Antwort zu bleiben.
Seufzen
Sonnenuntergang und Abendwind. Melodien und Melancholien. Glück und Geduld. Die Wunder der Verwandlung. Die Götter sind der Zufall. Das Geschehen geschehen lassen. Seufzen vor Freude.
Zweite Hälfte des Selbstbewußtseins
Es hieß, er sei sehr selbstbewußt. Hätte man ihn gefragt, ob er sich für eine selbstbewußte Persönlichkeit halte, würde er zugestimmt haben. Wo man ihn ließ, also nicht bremste, trumpfte er auf: mit Wissen und Wörtern, Reisen und Kontakten. Das Selbstbewußtsein enthalte bereits den Kern einer Heilung, wurde ihm gesagt: nämlich sich seiner selbst mehr und mehr bewußt zu werden.
Keine der Hälften ist besser, müßte man hinzufügen. Sie beruhen aufeinander. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es ein überwiegend negatives Bewußtsein von sich selbst geben kann. Nicht zu selten, wie mir scheint. Das erste Selbstbewußtsein wird erst durch das zweite vollständig, man könnte es, nachdem dieses hinzugetreten ist, als gereift bezeichnen. Reifung geht jedoch in Fäulnis über, wenn das Bewußtsein danach strebt, es sich bequem zu machen und auf einem Plateau der Selbstgefälligkeit herumzulümmeln.