Identität beenden

Seit Wochen diese helle Sonne. Wir werden überschüttet, geflutet, gebadet in Licht. Wie Begossene taumeln wir kopflos durch die Straßen, hatten mehr oder längere Finsternis erwartet, sind noch benommen von diesem Paukenschlag des Lichts. Wären wir nicht so kraftlos und erschöpft, würden wir auf den Straßen tanzen und uns totlachen. Lauter Betrunkene im Sonnenschein, berauscht vom Licht des Lebens, hier im Land des Lächelns.

Manche befinden sich in einem Schockzustand: Sie sind längst andere geworden, aber wissen es noch nicht. Das ist das Hauptproblem mit der Identität – man sollte sich mit überhaupt nichts gleichsetzen, nicht einmal mit sich selbst, denn gleichsetzen bedeutet verwechseln. Ängstlich klammern wir uns an zwei, drei Vorstellungen von einem Menschen, der unseren Namen trägt und den wir zu kennen meinen: Ich bin der, der morgens erstmal eine Zigarette raucht, der den Milchkaffee bereitet, der sich über Verbote ärgert, der keine Zeitungen mehr liest, der keine Geschichte zuende bringt.

Man darf das lassen. Geschrieben am dritten Tag des Monats März im Jahre 2015, hinter einem hellen Vorhang sitzend, um nicht geblendet zu werden. Zweiter Blogeintrag. Die Sache macht Spaß und setzt sich fort wie von selbst.


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