Gespräch mit einem Mann über Großstadt, Benehmen und Freundlichkeit. Es ärgert ihn, daß die Leute nicht danken, wenn er sie mit ihren Fahrrädern vorbeiläßt (auf dem Fußweg), ihnen die Tür aufhält oder zur Seite tritt, wenn es jemand eilig hat. Es ärgert ihn sehr, er möchte sie am liebsten erziehen. In den U-Bahnen am Wochenende, sagt er, kotzen sie dir vor die Füße oder fressen ihren Döner, als sei es völlig normal, daß das Abteil nach ihrer späten Mahlzeit riecht. Sie kommen von sonstwo, sagt er, und können sich einfach nicht benehmen.
Ihm wäre es recht, wenn in jedem Waggon ein Security-Typ steht, der Aufsicht führt, und die Straßen und Plätze videoüberwacht wären wie beispielsweise in London. Auch geht er davon aus, daß in der Entwicklung des Menschen etwas schiefgelaufen sei. Beim Neandertaler hätte Schluß sein müssen, seitdem seien wir entsetzlich überfordert und wüßten nicht mehr, was uns zusteht und was nicht. – Eine Menge Meinung für ein paar Minuten.
Benötigen Rücksicht und Freundlichkeit denn lohnenden Dank, frage ich mich nun. Sie stehen doch ganz für sich und haben auch dann Bestand, wenn niemand sie bemerkt. (Wirklich nicht bemerkt?) Dank ist Lohn, das wissen wir alle. Doch leisten wir Gutes nicht um des Lohnes wegen. Das wäre berechnend: man täte etwas nur, um Punkte zu machen, sein Karma zu verbessern oder sich emporzustrebern in den Himmel, der dann so etwas wäre wie ein Seniorenheim für Meritenträger. Das Gute wäre gut nur in Hinblick auf das, was es einbringt. Wäre es dann noch „gut“? Das Gute, unterstelle ich, kann jederzeit für sich stehen, braucht keinerlei Begründung und ist auf Lohn nicht angewiesen. Das allein macht es stark und unwiderstehlich. (Es zieht aber auch Haß auf sich, siehe Jesus von Nazareth und andere.)
Lohn als Gottesgabe ist ein altes Erziehungsmittel. Befolge dieses, dafür bekommst du jenes. So spricht man mit Kindern, wenn einem nichts mehr einfällt oder das Vorbild nicht wirkt. In den Heiligen Schriften wird eine Menge gedealt, und der Dekalog zeigt, was üblich gewesen zu sein scheint. Daher der Vertrag. Sind die Menschen insgesamt noch Kinder, bedürfen sie der Sanktionen? Tun sie Gutes nur, wenn man sie dafür belohnt? Vermutlich fällt es deutlich leichter, gut zu sein, wenn andere es honorieren. Und sei es, daß sie es immerhin bemerken.
Ich suche nach einem Zitat. Es lautet: Tue Gutes und sprich darüber. Es soll von einem KPD-Mann stammen. Zustimmung vom Coach: „Immer schön bescheiden? Davon rät Karriereexperte [Jürgen] Hesse entschieden ab: Wer zwei Jahre lang in aller Stille gute Leistung bringt, riskiere, dass es keiner merkt. Im schlimmsten Fall streichen Kollegen, die das bessere Selbstmarketing betreiben, unverdient das Lob ein – und letztlich auch die Gehaltserhöhung.“ (Focus Money Online) Hier geht es um anderen Lohn und um ein anderes Gutsein, ein gekauftes Gutsein, ein Gutsein für Geld. Verwechselt man die Bereiche, wird man zum Idioten.
Zweite Frage: Kann man / darf man / soll man / muß man andere Menschen erziehen? Darauf keine Antwort, denn wie sollte ich – es ist 1 Uhr 45 des Nachts. Da kann von Erziehung keine Rede sein. Von Aufsicht sehr wohl. Gleich kommt Tante Emmi und mahnt mich zur Nachtruhe, denn ich brauche doch meinen Schlaf, mindestens acht Stunden die Nacht, damit ich fünfundneunzig Jahre alt werde und die Olympiade 2056 in Berlin erleben darf. Tante Emmi schläft schlecht, ihr Gewissen plagt sie. Sie war Lehrerin, glaubte an Zensuren und Gerechtigkeit, hat ein paar Schüler aus der Bahn geworfen, schämt sich dafür, träumt schlecht.
Tante Emmi habe ich gefunden, um aus diesem Thema herauszufinden. Ich verstehe nicht das geringste von Erziehung und mag das Wort schon nicht. Das Gespräch über Rücksicht und Freundlichkeit hat es gegeben. Da ist nichts erfunden. Ich wollte einen schönen Text über Freundlichkeit schreiben, und dann bin ich in diese Kanäle geraten. Ich will sie nicht zuschütten. Das Kleine hängt mit dem Großen zusammen und umgekehrt. Das Schreiben ist schwierig, wenn zu vieles gleichzeitig sprechen möchte. (Sag mich, sprich mich.) Doch ich bleibe dabei: Gutes tut sich von selbst.
(Neandertaler später oder nie. Mit Knochenfunden kann man nicht reden. Es wird wieder nur Monolog. Wir bleiben einseitig.)
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.